21/03/1997 19:17 Alter: 22 yrs

Was bedeuten die Straßennamen der Stadt?

Kategorie: 54/1997 - Krautmarkt 54/1997 - Krautmarkt
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?Was bedeuten die Straßennamen der Stadt? Rh einsh ei m (Rue du Fort) Sie ist eine Verbindungsstraße zwischen der Avenue Marie-Thérèse und dem Boulevard Grande-Duchesse Charlotte. Der Name, den sie bereits 1889 erhalten hatte, war am 16. Mai 1925 durch die Benennung ?Rue des Acacias" ersetzt worden. Akazienstraße hieß sie dann auch während der deutschen Besatzungszeit. Am 29. Dezember 1945 wurde ihr die ursprüngliche Bezeichnung wiedergegeben, die an das Fort erinnert, das sich zur Festungszeit hier befand. Seine Erbauung fällt in die österreichische Periode (1713-1795), als es galt, das von den Franzosen angelegte Verteidigungssy- stem zu verstärken und zu vervollstän- digen. Zum Schutz der Frontebene erstreckte sich ein Befestigungsring von der Côte d'Eich hin bis zu dem Tal der Petruß, also von dem Fort Charles bis zu den Forts Peter und Rheinsheim. Mit dem Bau des letzteren, das nach einem höheren öster- reichischen Festungsoffizier benannt war, wurde 1733 begonnen. Das fünfeckige Réduit, ein Eckpfeiler im äußeren Front- gürtel zur Ebene hin, galt als eine der modernsten und militärisch-technisch bestens ausgerüsteten Anlagen. Ihr oblag der Schutz der strategisch weniger gesicherten Gebiete um Hollerich und Gasperich, die Flankierung des Petrußtales sowie auch der Schutz der etwas südlicher liegenden Nachbarforts. Im Laufe der Jahrzehnte wurde das Réduit mehrere Male modernisiert und verstärkt, dies sogar noch 1867, als dann die Neutra- litätserklärung die Einstellung der Arbeiten bedingte. Infolge der bald darauf einset- zenden Schleifung der Festung dehnte sich die Stadt rasch aus, und neue Straßenzüge wurden angelegt. Die Pläne zur Verlänge- rung der Avenue Marie-Thérèse in Rich- tung Hollerich führten durch die Festungs- anlagen der Forts Peter und Rheinsheim. 1869 wurde ein Teil dieses Geländes zur Talseite von der Bistumsverwaltung erworben; Bauparzellen zur gegenüberlie- genden Straßenseite gingen an private Käufer. Auf den Anlagen des Fort Peter entstand eine herrschaftliche Villa, die später als bischöfliches Palais diente. Auf den soliden Grundmauern des Fort Rheinsheim wurde nach den Plänen des Architekten François Eydt das bischöfliche Konvikt errichtet, das als Internat Maria Rheinsheim für Studenten des Sekundarunterrichtes am 1. 32 Oktober 1872 eröffnet wurde. Aber weder das bischöfliche Palais noch das Konvikt haben die Jahre überdauert. 1958, kurz nach dem Tode von Bischof Philippe, wurde ersteres abgerissen und durch einen Neubau ersetzt, der nunmehr seit 1961 Sitz des Erzbischofs ist. Nach dem Abbruch des Konvikts 1976 entstand auf einem Teil des frei gewordenen Geländes eine größere Gebäudeanlage, als Zentrum verschiedener kultureller Aktivitäten. Der restliche Teil wurde von der Stadt Luxemburg erworben, die hier ein Seniorenheim errichten ließ, die Résidence Grande-Duchesse Joséphine Charlotte. Seit Januar 1992 steht das Haus den Pensionären offen. Ries (Rue Nicolas) Die frühere Gartenstraße auf Limpertsberg wurde 1945 nach dem Luxemburger Professor und Schriftsteller Nicolas Ries umbenannt. Sie führte zunächst von der Avenue de la Faïencerie ausgehend am Friedhof Notre-Dame vorbei bis zur Place Maurice Pescatore in Rollingergrund. 1964 erhielt das erste Teilstück dieser Straße bis zum Friedhof die Bezeichnung ?Rue Nico Klopp". Nicolas Ries wurde am 28. Oktober 1876 in Flaxweiler als Sohn einer Bauern- und Winzerfamilie geboren. Nach seinen Gymnasialjahren am Athenäum in Luxem-burg studierte er Sprachwissenschaften an den Universitäten von Paris und München. Seine Studien schloß er 1903 mit einem Doktorat ab. Nach einer kurzen Lehrtätig- keit in Diekirch wurde er 1911 an die Ecole industrielle et commerciale, das heutige Lycée de Garçons, berufen, wo er bis zu seinem Tode 1941 unterrichtete. Weltanschaulich ein Mann der liberalen Linken, war er eine der markantesten Gestalten des literarischen und kulturellen Lebens in der ersten Jahrhunderthälfte. Lehrtätigkeit und Schriftstellerei waren die beiden Pole seines unermüdlichen Schaf- fens. Schrieb er anfangs in Deutsch und Französisch, gab er doch bald die erstere Sprache zugunsten der zweiten auf, da er sich geistig Frankreich tief verbunden fühlte. Sehr aktiv wirkte er in den Volksbildungs- vereinen durch Publikationen und Vorträge, da es ihm ein Anliegen war, auch nach der Schulentlassung auf Geist und Gemüt der Jüngeren einzuwirken. 1909 veröffentlichte er eine Studie über Luxemburger Sprichwörter, der 1911 die ethnologische Untersuchung Le Peuple luxembourgeois. Essai de psychologie folgte. Unter dem Titel Le sourire de Philinte erschien eine Sammlung seiner Chroniken, die er im Escher Tageblatt veröffentlicht hatte. 1928 gab er zusammen mit Robert Hausemer ein touristisches Buch heraus, Le Beau Pays de Luxembourg, in dem er in begeisterten Worten die Reize und Schön- heiten unseres Landes besang, insbeson-dere aber auch die der Stadt Luxemburg, die ihm bis zu seinem Tode eine zweite Heimat war. Die zwei Romane, die er hinterließ ? Le Diable aux champs, 1936, und Sens unique, 1940 ?, spielen in den ländlichen Kreisen seines Geburtsortes unter dessen Bevölke- rung. Sein weitgespanntes Interesse für sämtliche kulturellen Aspekte des natio- nalen Lebens finden wir auch wieder in den zahllosen Beiträgen aus seiner Feder in den Cahiers luxembourgeois. 1923 war er einer der Mitbegründer dieser Revue libre des lettres, des sciences et des arts, eine unerschöpf- liche Fundgrube für jeden historisch und kulturgeschichtlich interessierten Leser. Bei dieser Zeitschrift hatte Nicolas Ries die Funktion des Redaktionssekretärs, dem die Arbeit oblag, das Thema der jeweiligen Nummer zu bestimmen, Mitarbeiter zu finden, Texte zu lesen und zu begutachten, auf oft mühseligen Reisen neue Themen zu finden, die es wert waren, bearbeitet zu werden; dies oft bei primitiven technischen Mitteln und kurz bemessenem Budget. Wie schon gesagt, hat Nicolas Ries selbst die einzelnen Hefte durch unzählige Beiträge bereichert, die er teils unter seinem Namen, teils unter dem Pseud-onym Jean Vedruns veröffentlichte, und deren Themen ein sehr weites Feld des kulturellen Schaffens umfassen, von litera- rischen Fragen hin zu Malerei, Architektur und Kunstkritik. Von hohem Wert sind auch heute noch für uns seine Monogra-phien landschaftlicher, historischer und künstlerischer Kostbarkeiten unseres Landes. Es sei überdies darauf hingewiesen, daß Nicolas Ries sich neben seiner Schrift- stellerei auch selbst künstlerisch betätigte, wie es die Zeichnungen bezeugen, die als Illustration zu einem Artikel von Frank Wilhelm erschienen sind, nämlich La Ville de Luxembourg, vue par l'écrivain Nicolas Ries, dessinateur amateur, in Ons Stad (52, 1996). Zur abschließenden Würdigung des Autors wollen wir seinen Kollegen und Zeitge- nossen, Prof. Joseph Tockert, zu Worte kommen lassen: ?Aber welches Leben der Arbeit! Nicht Dienst am Volke, aber Dienst an dem Höheren und Besseren, an einer Sache, die unserem Volk mehr nottut als Bravorufen und Wahlnummern, an den Cahiers Luxembourgeois von 1923 bis 1940. Nicolas Ries, vermach uns deinen Fleiß und die Wucht deiner Ausdauer, sowie das Wehen deiner Geistigkeit über der Ungei-stigkeit, dem kleinen gemäßigten Kleben an der kleinen Erde!" (Joseph TOckert: Luxem- burger Literaten; GL. 1948, 2, Seite 75) P.S. Vom deutschen Besatzer untersagt, wurden die Cahiers luxembourgeois nach dem Kriege neu herausgegeben, zunächst von Tony Jungblut, dann von Raymon Mehlen, ab 1988 von Nic. Weber.


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