27/06/1983 11:53 Alter: 35 yrs

Bewegte Vergangenheit - ungewisse Zukunft

Kategorie: 13/1983 - Pfaffenthal 13/1983 - Pfaffenthal

Pfaffenthal Bewegte Vergangenheit ungewisse Zukunft  Die Siedlungsgeschichte der Stadt Luxemburg ist ein Kapitel, das noch größtenteils geschrieben werden muß. Bruchstückhafte Andeutungen und lückenhafte Forschungsergebnisse vermitteln dennoch den Eindruck, daß die Besiedlung des heutigen Stadtgebietes von dem Alzettetal ausging, also denStadtteilen, die gemeinhin als Unterstädte gelten. Pfaffenthal jedenfalls scheint schon in den Anfangsjahren unserer Zeitrechnung Siedlungsgebiet gewesen zu sein. Spuren von sehr frühen Siedlungen konnten im Umkreis des "Théiwesbuer" (wahrscheinlich eine uralte Kultstätte) ermittelt werden. Da man in diesen Fragen größtenteils auf Vermutungen angewiesen ist, sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt. Verläßliche Angaben gibt es erst für die Epoche um die Jahrtausendwende, wo immerhin für das Alzettetal sechs Mühlen dokumentiert sind, die auf eine beträchtliche Bevölkerungsdichte schließen lassen. Seit dieser Zeit sind auf dem Gebiet des heutigen Pfaffenthals zwei Mühlen bekannt, die Mohrfelsmühle und die Brückermühle, die bis in die heutige Zeit Spuren hinterlassen haben. Der Ortsname Pfaffenthal verdankt seinen Ursprung dem Umstand, daß das Gebiet seit dem 11. Jahrhundert zu der Münsterabtei gehörte und deswegen als Tal der Mönche Eingang in den Sprachgebrauch fand. Varianten des Ortsnamens gibt es allerdings recht viele, aber sie beziehen sich alle irgendwie auf den Stand der ursprünglichen Besitzer der Ländereien („Pfaffenowel", „Paffenowe", — „owel" oder „owe" steht für Aue, also einen feuchten Talgrund — „Pfaffenagel", „Paffendail", „Paffenail" usw. Die Einbeziehung des Pfaffenthals in das eigentliche Stadtgebiet fand erst unter Vauban statt. Bei der Anlage der großen Ringmauer hatte man darauf verzichtet, Pfaffenthal mit einer geschlossenen Befestigung zu umgeben, im Gegensatz etwa zum Grund, der von Anfang an in die Festungsanlagen miteinbezogen wurde. Einleuchtender Grund für dieses Versäumnis, das erst durch Vauban ab 1864 repariert wurde, dürfte wohl die geringere Bevölkerungsdichte des Pfaffenth als gewesen sein, die noch heute, was die Bausubstanz anbelangt, ins Auge sticht.
Vaubans Erweiterung der Festungsanlagen war aber ein Kahlschlag im Jahre 1671 vorausgegangen, der das Pfaffenthal arg in Mitleidenschaft zog. Auf Geheiß des spanischen Gouverneurs Monterey mußten 43 Häuser im Pfaffenthaler Berg ("Dünnebusch") aus militärischen Gründen abgerissen werden. Nach der Eroberung der Festung durch die französischen Truppen im Jahre 1684 machte sich Vauban sofort ans Werk und vervollständigte die Befestigungsanlagen durch Einbeziehung des Pfaffenthals. Bedeutende Anlagen entstanden, wie die Forts Nieder- und Obergrünewald, das Eicher- und das Siechentor, verbunden durch eine Brückenbefestigung. Diese Anlagen kennzeichnen bis zum heutigen Tag das Bild des Viertels. Vaubans Maßnahmen scheinen die Voraussetzungen für den Aufschwung des Pfaffenthals in urbanistischer Hinsicht geschaffen zu haben, da zum ersten Mal die Bevölkerung sich halbwegs in Sicherheit vor Belagerern und Angreifern wähnen konnte. Dies war gewiß ein Fortschritt gegenüber den vorausgegangenen Jahrhunderten, wo das Viertel eine "offene Stadt" war, der Willkür und den Zerstörungen der Belagerungsarmeen wehrlos ausgesetzt.
Interessanterweise und geradezu paradoxerweise sollte diese Vergangenheit, die den Pfaffenthalern während drei Jahrhunderten Schutz und Sicherheit gewährte, gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts als Belastung und Einengung empfunden werden. Um diese Zeit gehörte die militärische Bestimmung der Stadt längst der Vergangenheit an, so dass es nicht weiter Wunder nimmt, wenn plötzlich der Gedanke auftaucht, sich von dem hemmenden Gürtel der Festungsanlagen gerade im Pfaffenthal, wo sie das Ortsbild zersetzten, zu befreien und ihn zu sprengen. Im Jahre 1883 richteten die Pfaffenthaler eine Bittschrift an das Parlament, in der sie den Abriss der Eicher Pforte (dem linken der sogenannten Vauban-Türme) verlangten.
Pfaffenthal Bewegte Vergangenheit, ungewisse Zukunft Als Begründung  führten sie an, der Durchgangsverkehr würde über den Eicher Berg führen und nicht mehr durch die schmale Eicher Pforte, was den Handel in der Unterstadt gefährde. Weiterhin hieß es, die Häuser im Umkreis der Pforte hätten bis zur Hälfte ihres Wertes eingebüsst. Wenig Licht, schlechte Luft und hohe Feuchtigkeit würden das Leben hier fast unmöglich machen. Die Gesundheit der Bürger sei schließlich wichtiger als ein "kleines Stück Luxemburger Geschichte ".
Wohlweislich gab die Regierung diesem Gesuch nicht statt und Staatsminister Eyschen erklärte kurz und bündig: „L’intérêt des pétitionnaires doit  fléchir devant celui de la Ville le Luxembourg et de l’Etat.“Diese Standfestigkeit der Behörden erklärt, warum die Vauban-Türme dem Pfaffenthal als Wahrzeichen bis auf den heutigen Tag erhalten blieben. Leider gibt es andere Beispiele, wo die Behörden weniger Umsicht mit der historischen Bausubstanz walten ließenBesonders gravierend wirkt in diesem Zusammenhang der erst nach 1950 erfolgte Abbruch der Vauban-Kaserne. Laut Jean-Pierre Koltz war sie der bedeutendste und schönste Militärbau der Stadt. Sie diente als Militärhospiz. Die Kaserne war zwar 1882 bis auf die Mauern ausgebrannt. Sie hätte aber mit größerem Aufwand erhalten werden können. Als Überbleibsel der Rolle des Pfaffenthals als Stationierungsort der Festungstruppen bleibt heute nur noch die Reiterkaserne, die ebenfalls unter Vauban erbaut wurde. Bedauern muß man ebenfalls den Abbruch der meisten Häuser in der Mohrfelsstraße, der Briickermühle und viele Hauser der Sichegaass. Aus heutiger Sicht erscheint dir erst 1967 erforlgte Abbruch des Pfaffenthaler Wasserwerkes besonders bedauerlich. Die hundertjährige  Dampfmaschine, die Kernstück eines Industriemuseums hätte sein können, wurde sang- und klanglos ver- schrottet.
Wie in den anderen Unterstädten auch, setzte sich die Bevölkerung des Pfaffenthals vornehmlich aus Handwerkern zusammen. Die "Produktivitat" der Bevölkerung der Unterstädte läßt sich wohl am besten an der Tatsache ablesen, daß z.B. im siebzehnten Jahr- hundert die meisten steuerpflichtigen Haushalte in den Unterstädten, die meisten steuerfreien Haushalte in der Oberstadt anzutreffen waren. Steuerfreie Bürgerhaushalte waren  nicht nur die Armen, sondern alle diejenigen, die kraft ihres Standes oder eines Amtes von der Steuer befreit waren (Klerus, Adel, Mitglieder des Provinzialrates, der Domänenverwaltung, Anwälte, usw.). Die Unterscheidung zwischen der verbürgerlichten Oberstadt und den arbeitsamen Unterstädtern geht demnach weit in die Vergangenheit zurück. Im 17. Jahrhundert stellte die Oberstadt fast 90 % der steuerfreien Haushalte der Stadt und weniger als 50 To der steuerpflichtigen Haushalte, bei einem Anteil von 57 To der Gesamtzahl der Haushalte. Wenn heute über die "Proletarisierung" und Überfremdung des Pfaffenthals geklagt wird, muß in erster Linie auf die Vergangheit des Viertels und seiner Bevölkerung hingewiesen wer- den, die die heutige Bestimmung schon seit Jahrhunderten vorweggenommen hatte. Alles was mit dem Baugewerbe zusammenhängt, war seit Jahrhunderten überaus stark in den Unterstädten vertreten, und die jetzige Situation ist in dieser Hinsicht nun wirklich nichts Neues.
 »Das Pfaffenthal war seit Jahrhunderten durch eine Atmosphäre der Toleranz gekennzeichnet«
Angesichts dieser Tatsachen könnte man sich eigentlich etwas mehr Toleranz gegenüber den Gastarbeitern erwarten, die die Tradition des Viertels fortführen und dafür sorgen, daß es nach wie vor zu den "produktiveren" Stadtteilen gehört. Wenn man aus der Feder einiger Stamm-Pfaffenthaler Zeilen wie die folgenden liest, kann man nur den Kopf schütteln: "Einerseits be- dingt durch eine unbändige Lust am Häuserabreißen, andererseits durch eine unerklärliche Gleichgültigkeit, ja sogar Nachlässigkeit der Verantwortlichen in punkto Salubrität und Hygiene, und zuletzt durch das unüberlegte Einpflanzen degenerierter und asozialer Elemente aus sogenannten privilegier- ten Teilen der Stadt, haben die Einheimischen, die gegen so viel Unverstand nicht mehr zu wehren vermochten, veranlaßt, schweren Herzens aus- zuwandern. In letzter Zeit wurden dann viele Wohnungen von Fremdarbeitern, meistens portugiesischer Nationalität, in unzumutbarer Weise belegt und auch dies Vergehen, mit dem Segen des Schöffenrats, trug nicht zu einer Revalorisierung der Unterstadt bei. "'
Man hätte den "Einheimischen", die ihr Heil in solchen verbalen Kraftakten suchen, mehr Gelassenheit und Toleranz zugetraut, um so mehr das Viertel während Jahrhunderten ein Musterbeispiel des ,geordneten und humorvollen Zusammenlebens der unterschiedlichen Stände und Nationalitäten war. Eine Rückbesinnung auf die Vergangenheit des Pfaffenthals kann nicht umhin, auch die menschliche Dimension miteinzubeziehen.  Das Pfaffenthal war seit Jahrhunderten  durch eine Atmosphäre der Toleranz gekennzeichnet, die aus dem Humor seiner Bevölkerung genährt wurde. Spitznamen, die noch bis heute überliefert werden, zeugen davon und lassen ahnen, daß die Hochnäsigkeit, die heute von manchen „Einheimischen“ zur Schau getragen wird, nicht zur Wesensart der echten Pfaffenthaler gehört. Ein paar Kostproben verdeutlichen dies wohl am besten: "De Belsche Frang", "de Walounesche Potschampsdréier", "d'Kuebefini", "de pickege Kiirfchen", "d'Bratschtonn", "d'Klenschegréid", "de Schluppjang" usw.
Denjenigen, die sich darüber beklagen, dass das Pfaffental zum Armenhaus der Stadt zu verkommen droht und die wohl in erster Linie an die Rendite ihrer Häuser denken, muss in Erinnerung gerufen werden, dass dies, falls es überhaupt zutreffend ist, auch eine Tradition ist. Das Bürgerhospiz, der Sichenhaff, die Reiterkaserne (die von Abkömmlingen heruntergekommener Adelsfamilien bewohnt wurde) zeugen von einer Tradition und einer Zeit, wo noch andere Werte galten als der tierische Ernst von Hausbesitzern , der heute den Ton anzugeben scheint.. Das Pfaffenthal war das Viertel der Scherenschleifer, die vonhier aus das ganze Land durchstreiften. Dieser ehrbare Beruf war bestimmt keine Goldgrube. Ähnlich verhält es sich wohl auch mit dem Beruf des Tagelöhners, dem in vergangenen Zeiten überhaupt nicht der pejorative Beigeschmack anhaftete, mit dem er heute in Verbindung gebracht wird. Im 17. und 18. Jahrhundert bildeten die Tagelöhner, die überaus zahlreich im Pfaffenthal waren, sogar eine eigene Zunft. Ein bißchen Traditionsbewußtsein und vor allem eine Rückbesinnung auf die menschlichen Qualitäten, die das Viertel seit eh und je auszeichnen, könnten gewissen Aspekten der Fremdenfeindlichkeit, die das Klima sehr wohl zu vergiften droht, rechtzeitig die Spitze abbrechen.
Mario Hirsch


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13/1983 - Pfaffenthal

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