08/06/2004 15:49 Alter: 15 yrs

Menschen, Häuser und Straßen am alten Markt

Kategorie: 76/2004 - Altstadt 76/2004 - Altstadt

?Wer heute durch die winkligen Straßen der Altstadt und entlang der teuer und geschmackvoll restaurierten Bausubstanz Richtung Fischmarkt flaniert, der nähert sich den Ursprüngen von Stadt und Land Luxemburg. Die vor über tausend Jahren von Graf Siegfried erbaute Burg stand wie ein Adlernest strategisch klug auf dem Bockfelsen, und dahinter gähnte der steinerne Abgrund. Ein Stadtleben konnte sich also nur nach Westen hin entwickeln, in Richtung Fischmarkt. D ie allerersten Häuser und Gassen der späteren Stadt Luxemburg entstanden also gleich gegenüber dem Bockfelsen, als so genannte ?Vorburg". Immer neue Bewoh-nerwurden angelockt, und schon bald gab es auch, den natürlichen Tausch- und Handels- bedürfnissen der Menschen entsprechend, als Mittelpunkt und Versammlungsort den ersten Marktplatz. ?Dieser alte Markt war es," schreibt Jemmy Koltz in seiner Bauge- schichte der Stadt und Festung Luxemburg, ?der dem Stadtgebilde der Oberstadt For- men und Richtungen gab. Er bildete sich seine Zufahrts- und Abfahrtswege nach den umliegenden Siedlungen heraus. Er saugte den Verkehr auf ? damals schon ein Macht-faktor wie heute ? leitete ihn um, führte ihn weiter. Diesen Zweck erfüllte er noch bis vor etwa hundert Jahren." Die Verkaufsstände am Fischmarkt gehörten anfangs den Burgherren, und die Kramer, die Obst- und Gemüsehändler und natürlich die Fischverkäufer mussten für ihre Hallen und Stände Miete entrichten. Zur Schlossseite hin, neben dem Turm der Sankt Michaelskirche, stand die Tuchhalle, wäh- rend Salz ? auf dem Salzstapel neben der Gelle Klack ? und Getreide an der Einmün- dung zum Breitenweg angeboten wurden. Und an der Ecke, wo der alte Markt in die imedia Menschen, Häuser Fleeschirgaass mündet, legten natürlich die Metzger, wie der Name schon sagt, ihre Fleischwaren aus. In alten Dokumenten taucht der Name Fischmarkt (Kees- oder Fischmarkt) zum ersten Mal 1692 auf. Im 15. Jahrhundert hieß er noch ganz einfach den ale Maart, um ihn vom Neuen Markt (dem Kräutmaart) zu unterscheiden, der am Ende des 12. Jahr-hunderts dort entstand, wo heute die Abge-ordnetenkammer steht. 1512 geht in Schrif- ten die Rede vom ?Käsemarkt", 1577 vom ?Viehmarkt". Als im Jahre 1834 der zu diesem Zweck amenagierte Knuedler dem Wochenmarkt eine neue Kulisse bietet, werden am Fischmarkt weiterhin Fische aller Art, Fluss- krebse und Frösche, aber auch frische Früch- te sowie Heu und Stroh angeboten. Ab 1926 dann finden hier überhaupt keine Wochen- märkte mehr statt, und die Fischverkäufer ziehen auf den Knuedler um, wo sie ihre fri-sche Ware fortan in den überdeckten Stan-den neben den beiden Treppenaufstie-gen unter dem Fiisschen-Denkmal in der Ënneschtgaass feilbieten. Die letzten Pois-sonniersauf dem Fischmarkt waren übrigens die Händler Kreuscher aus dem Petrusstal, Andre aus Clausen, Frank aus Remich und Kamp aus Heisdorf.Rue de la Loge, 1907. Batty Fischer notierte auf der Rückseite dieses Photos: ?De ruôden Tierchen. - Friperie et brocante. - Enseignes tristement bilingues." AseP. vregr 4.1 Two t2 RANT Fik und Straßen am alten Markt Emaischen (1905) Ps 2 -LtJ -o"") oBreedewee, 1952 Emaischen (1910): ?Le Monsieur a barbe et .j moustaches blanches - est le maître-imprimeur et éditeur Charles Praum." (Bildkommentar von Batty Fischer) _ n seinem ?Abreißkalender" vom 27. IlFebruar 1915 beschreibt Batty Weber die Atmosphäre dort wie folgt.,, Und jetzt schwebt über dem alten eigenartigen Platz wieder der besondere Duft, den die Fasten- zeit auszuströmen pflegt. Hier liegen auf den Tischen die Leichname des Schellfischs und des Kabeljaus mit ihrem glasigen Fleisch, dort wässert im hölzernen Bottich der Stockfisch, auch der Harung im Salze fehlt nicht, dem Scheffel in der Poesie eine Heimstätte berei-tet, und der Bückling mit dem tragikomi-schen Maul, das er rund und groß geöffnet hat, wie einer, der gurgelt oder Ringlein raucht. Sogar die Seezunge und die Scholle mit den graziös gespitzten Mäulchen sind in diese Proletariergesellschaft herabgestie- gen." Fourneaux de cuisine tip /,,a0J., tcs dituonaiona pour dtaitafaa Teltsionnatf hef,.1e . hospical etc. Intt,rfourS dP? ph end ri 6Pa fayence aye, pparld palt,rifPrpv et houet., chaleur. Nouveau syatt.ane i. Voutifatoura t persicurivs. PoVh, Se ottetaink.a fayence 114f;ori.e et todfea waadeur., de le alai,. lite,eleeider 4 Cie Sarreguemines. On se Pharr ,4alement thi elutuffinfe des iirliff+A suit par calortfres souterrains pradon hut. plat e Cousumlion dit coulertIAres air chaud de Pave, palprikrp% en fayan,? pouvant chauffe, phtaieunn purrs 8. VALENTINI. poefier fumisle, rue d, II, I uxernhoun., , - ? ? Doch der Fischmarkt war nicht nur ein halbwegs friedlicher Umschlagsplatz für Lebensmittel aller Art: Seit dem frühesten Mittelalter stand hier, direkt neben der Säule der Stadtgerichtsbarkeit, der berüchtigte Pranger, auf luxemburgisch De Stillchen, wo arme Teufel aus dem Volk wegen geringer Vergehen am Lomperank hingen und dem Gespött des Pöbels ausgesetzt waren. Hier fanden über die Jahrhunderte auch zahlrei- che öffentliche Exekutionen durch den Strang oder durch das Henkerbeil statt. Und nach der Französischen Revolution kam auf dem Fischmarkt auch die Guillotine zu ihrem makabren Einsatz, zum ersten Mal am 24. September 1798. Der Pranger am Fischmarkt bestand bis ins späte 19. Jahrhundert und wurde erst durch Gesetz vom 18. Juni 1879 entfernt.  Batty Fischer C) Photothèque de la Ville de Luxembourg Prächtige Patrizierhäuser und armselige Plebejerunterkünfte Manche der Straßen und Gässchen am Fischmarkt führen hinunter ins Tal, wie etwa der Breitenweg, der den Spaziergänger steil hinab nach Stadtgrund leitet. Oder die Wilt- heimstraße, die sich an eleganten Bürger- häusern entlang und unter den Drei Türmen hindurch in die andere Unterstadt, nach Pfaffenthal hinunter schlängelt. Durch wei-tere Sträßchen, so etwa durch die Fleeschir- gaass (Rue de la Boucherie), die Logengasse, in der früher das Haus der Krämer stand ? der heutige Sitz der Freimaurerloge? , die Rue du Rost oder die Rue du Palais de Justice indes gelangt man direkt ins Stadtzentrum, Rich- tung Knuedler oder Richtung Groussgaass.D och dort, wo der Fonds de Rénovation de la Vieille Ville heute jahrhundertealte Bausubstanz in geschmackvollen Wohn-raum verwandelt, wo elegante Boutiquen, Juweliere, esoterische Buchhändler, Fein- schmeckerrestaurants und Szenekneipen zahlungskräftige Kunden anlocken, war jahrhundertelang das richtige Leben zu Hause. Wenn wir zum Beipiel im Luxembur- ger Handels-Adressbuch von 1907/08 blät- tern, dann sehen wir, wie bunt gemischt unser ältestes Stadtviertel mitten in der Belle Epoque war. Am Fischmarkt wohnten sowohl Bank- direktoren wie Schlossergesellen und Post- kommis, Eisenbahnbeamte und Maurer, Fensterputzer und großherzogliche Köche, Regierungsräte, Polizeikommissare, Anwäl- te und Ingenieure, Ladenfräuleins, Tagelöh- ner und Rentner. Und es gab kleine und große Geschäfte: So etwa den Glasermeister Bradtké direkt neben dem heutigen Staatsmuseum (in der Gëlle Klack), die Handschuhschneiderei Anton, die Tabakhandlung Pothas-Haller, das Café Gloesener (später: Café des Fau-bourgs) oder die Geschwister Dumont, die als Schneiderinnen arbeiteten. In der Wiltheimstraße, direkt neben der Klinik Saint François, hatte ein gewisser Heinrich Hintgen eine Schreinerei, und dane- ben arbeiteten die Buchdrucker Johann und Eduard Nimax. Neben der Logengesellschaft unterhielt Theo Wennig eine Schusterei, ein paar Häuser weiter schlug sich Christoph Holtmann als Althändler durch und Jakob Stiel als Zigarrenmacher. Dem Luxemburger Fischmarkt war also dasselbe Schicksal beschieden wie anderen Altstadtvierteln in anderen europäischen Metropolen auch: Die Authentizität ist durch die schöne historische Fassade ersetzt wor- den, der soziale Alltag der Menschen durch Kulturpaläste, Gastronomie und andere Tou-ristenattraktionen. Auch die traditionelle Emaischen, die immer noch alljährlich am Ostermontag Tausende von Besuchern anzieht, ist nur noch reine Folklore. An die Realitäten des Lebens gemahnen eigentlich nur noch das Alters- und Pflege- heim in der ehemaligen Clinique Saint François und ein alteingesessenes Bestat- tungsinstitut. René Clesse


Dateien:
PDF(0.9 Mb)

76/2004 - Altstadt

p.  1