08/06/2004 15:49 Alter: 15 yrs

Was bedeuten die Straßennamen der Stadt?

Kategorie: 76/2004 - Altstadt 76/2004 - Altstadt
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?Was bedeuten die Straßennamen der Stadt? Soleil (Rue du) Während der französischen Herrschaft wurde durch einen Erlass vom 29. Fructidor An VI (15. September 1798) die Rue des Capucins im Stadtzentrum in ?Rue du Soleil" umgetauft. Durch den Gemeinderatsbeschluss vom 16. Mai 1925 wurde dieser Name aber verdienter- weise einer in Weimerskirch gelegenen Straße gegeben, die von der Rue Schetzel abzweigt und bis hin zum Fond St. Martin führt. Den Namen verdankt sie ihrer außergewöhnlichen Lage, die ihr eine ideale Sonnenbestrahlung gewährt, praktisch von Sonnenaufgang bis zu den letzten Strahlen des Tages. Leider wurde dieser Vorteil fur die Bewohner der Rue du Soleil etwas durch die Errichtung gegenüber liegender Hochhäuser geschmälert. Unter der deutschen Besatzung war der Name ?Rue du Soleil" in ?Sonnenberg" eingedeutscht wor- den. Sources (Rue des) Der ?Unterkarrenweg" in Weimerskirch, der die Rue Munchen- Tesch mit der Route d'Ech- ternach verbindet, wurde durch Gemeinde- ratsbeschluss vom 16. Mai 1925 in Rue des Sources umgetauft, ohne Zweifel wegen der überaus zahlreichen Qiellen, die sich an den Hängen des Griinewaldes befinden und die beinahe jedem dort gelegenen Haus hauseige-nes Wasser liefern könnten. Während der deut-schen Besatzung hieß die Rue des Sources ?Qiellenstraße". Spoo (Rue Caspar Mathias) Diese kleine Straße im Bahnhofsviertel verbin- det den Boulevard de la Pétrusse mit der Rue Goethe. Ihren Namen führt sie seit dem 16. Mai 1925. Caspar Mathias Spoo ist als Schriftsteller, Politi- ker und Patriot zu würdigen. Geboren wurde er am 5. Januar 1837 in Echternach als Sohn eines Porzellanarbeiters. In seiner Heimatstadt besuchte er die Primärschule und das Gymna-sium, wurde aber schon in sehr jungen Jahren durch den frühen Tod seiner Eltern zu einer beruflichen Tätigkeit gezwungen, um far die jüngeren Geschwister sorgen zu können. Seine Stelle als Postmeister gab er aber auf, um mit sei-nemJugendfreundAndréi Duchscher die Eisen- hütte in Wecker zu gründen. 1890 zog er nach Esch, wo er seine eigene Firma schuf. 1896 wurde Spoo, der stets einen ausgeprägten Sinn fur soziale Probleme hatte, als sozialisti- scher Abgeordneter ins Parlament gewählt. Die- ses Jahr sollte dann auch für die Wertschätzung der Luxemburger Mundart von großer Bedeu-tung werden. Bei seiner Eidesleistung am 10. November 1896 hielt er seine Antrittsrede vor der Abgeordnetenkammer auf luxemburgisch. Dieses Wagnis löste bei den Mitgliedern des Hohen Hauses sowohl Erstaunen als auch helle Empörung aus. Nunmehr stand die Frage im Raum, ob das Luxemburgische in der Kammer zulässig sei, eine Frage, welche die Abgeordne- ten alle - bis auf eine Enthaltung und eine Ja- Stimme (die von Spoo selbst) - verneinten. Was Spoo, der aus dem Volke kam und dem Her- zen des Volkes Zeit seines Lebens nahe geblie- ben war, zu diesem Schrittveranlasst haben mag, ist wohl die Überzeugung, dass die Mutterspra-che auch aufjene Tribüne gehört, wo im Namen des Volkes Entscheidungen getroffen und Geset-ze geschaffen werden, und dass das Volk das Recht habe, die Sprache seiner Regierenden zu verstehen. Nach diesem Misserfolg wollte sich Spoo aber nicht so schnell geschlagen geben. 1912, bei der Ausarbeitung des Schulgesetzes, stellte er den Antrag, das Luxemburgische als Pflichtfach in den Schulunterricht aufzunehmen. Diesem Antrag stimmte die Regierung zu und beauf-tragte Nikolaus Welter mit dem Verfassen des Buches ?Das Luxemburgische und sein Schrift- tum". Von Spoos eigener Mundartprosa sei besonders die Lebensgeschichte seiner Schwester Elisabeth hervorgehoben, Soeur Marie du Bon Pasteur. Diese hatte in sehrjungen Jahren den Geschwis- tern die Mutter ersetzen müssen, hatte dann aber später als Ordensschwester der ?Doctrine Chrétienne" in Algerien gewirkt. In dieser Erzählung sowie auch in anderen Kurzgeschich- ten brachte Spoo die Mundartprosa auf ein hohes literarisches Niveau. ?Papa Spoo", wie er im Volksmund hieß, war ebenfalls ein begeisterter Verteidiger des ?Renert" von Michel Rodange. Es schmerzte ihn, dass dieses Werk infolge des Widerstandes gewisser Kreise nicht die verdiente Anerken- nung fand. So zog er zu Vorlesungsabenden durch das Land und hielt auch unter Mitwir-kung der Militärmusik im Cercle-Gebäude Deklamationsabende, um das berühmte Werk dem Volke näher zu bringen. Spoo starb am 17. März 1914 an einem Schlag- anfall. 1920 wurde sein literarischer Nachlass von Siggy vu Lëtzebuerg (Lucien Koenig) in einem Band mit dem Titel ?Gesammelte Werke von C.M. Spoo" herausgegeben. Als Spoo einmal die Frage gestellt wurde, ob er Luxemburger sei, antwortete er: ?Gudde Frënch ech hunn déi gier, de'i Freed an dat GM, e Letzebuer-ger ze sinn". So UP ert (Rue Jean) Auf Limpertsberg gelegen zweigt diese Sackgas- se von der Avenue de la Faïencerie ab und führt, parallel zur Rue Léandre Lacroix, entlang der Mauer des Centre Universitaire in einen Umge-hungskreis. Ihren Namen erhielt sie am 12. November 1957, nachdem in der Gegend das alte Gelände der Rosenzüchter als Bauland erschlossen worden war. Jean Soupert, 1834 geboren, galt als Pionier der Rosenzucht hier zu Lande. Zusammen mit seinem Schwager Pierre Notting gründete er 1855 eine Rosengärtnerei, die es in wenigen Jahren zu Weltruhm bringen sollte. Jean Soupert versuchte sich vor allem in der Zucht neuer Rosenarten; er und seine Nachfol- ger brachten es auf die stolze Zahl von 250, die sie in den Handel brachten und die fur Luxem-burg zu einem bedeutenden Wirtschaftszweig wurden. In einer deutschen Fachzeitung werden Soupert und Notting sogar als die ?Rosenköni- ge von Luxemburg" bezeichnet, denen Luxem-burg den Ehrentitel ?Stadt der Rosen" verdankt. Aus ihrer Schule gingen andere bekannte Rosen- züchter hervor, so die Brüder Ketten und die Exporteure Bourg und Gemen, deren Namen sich auch in Limpertsberger Straßennamen wie- derfinden. Ihre Rosen fanden den Weg in alle Herren Länder und waren besonders an den Fürstenhöfen Europas hoch geschätzt. Jean Soupert starb 1910; sein schönes Wohn-haus gotischen Stils mit dem warmen Rot seiner Fassaden steht an der Ecke der Avenue de la Faïencerie und der Rue Léandre Lacroix. Noch in der jüngeren Vergangenheit war es von den Nachkommen Souperts, den Eheleuten Etienne-Heldenstein, bewohnt. Nach seiner Instandsetzung, bei der glüddicherweise das schöne Äußere berücksichtigt wurde, befindet es sich heute im Besitz von Versicherungsgesell- schaften. Zur weiteren Information verweisen wir auf den Artikel ?Rosen vom Limpertsberg" von Evy Friedrich in Nummer 18 von Ons Stad, ferner auf den Text zum Straßennamen ?Rue des Roses" in der Nummer 58 unserer Zeitschrift. 33


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