08/09/2004 17:31 Alter: 15 yrs

Wo stehen die Frauen im Jahr 2005?

Kategorie: 77/2004 - Frauen 77/2004 - Frauen

?Wo stehen die Frauen im Jahr 2005? Probleme, Herausforderungen, Entwicklungen, Fortschritte und Gedanken zu einer veränderten sozialen Rolle Wohl kein anderes Thema wurde in den letzten 20 Jahren so heftig und emotional diskutiert wie jenes der Emanzipation der Frau, also deren veränderter Rolle in der modernen Gesellschaft. Kaum ein anderes Thema löst nach wie vor so viel Polemik aus, so viele Vorurteile, so viele unausgesprochene Ängste, aber auch so viele positive Ansätze und Fortschritte in der öffentlichen Debatte, werden doch Frauen tatsächlich mehr gesellschaftliche Freiräume und Entwicklungsmöglichkeiten zugestanden als früher. Kaum ein anderes Thema birgt in der Tat leider trotzdem noch so viel Konfliktstoff, da traditionelle Werte und Rollenverständnisse noch in der Gesellschaft weiterbestehen, obwohl Frauen in vielen Bereichen oft ganz allein ?ihren Mann" stehen müssen. Mit Arbeitspsychologin Joëlle Letsch sowie mit Arbeitsmedizinerin Sonja Adam- Becker sprachen wir über die Situation der Frauen von heute, über die sozialen Proble- me, die Frauen antreffen können, über die Beziehung der Geschlechter, welche je nach kultureller Identität oder aber auch nach sozialer Gesellschaftsschicht unterschiedlich ausfallen kann, über die Schwierigkeiten der Doppelbelastung und die Chancen der Berufstätigkeit, über neue Formen des Fami- lienlebens und über traditionelle Wertvor- stellungen, die sich standhaft in unserer Gesellschaft gehalten haben.Einblick in verschiedene soziale Probleme Sonja Adam-Becker, welche durch ihre langjährige Erfahrung als Allgemeinpraktike- rin sowohl einen Einblick in luxemburgische als auch in ausländische Familien gewann, bestätigte, dass die Rolle der Frau je nach der Zugehörigkeit zu einer kulturellen Identität sehr verschieden ausfallen kann. Die Tatsa-che, dass viele Frauen arbeiten, bedeutet nicht unbedingt, dass diese Frauen gleichbe- rechtigt sind. Vielmehr muss man feststellen, dass in vielen Familien die Frau ihrem Ehemann noch inte-gral die Verwaltung des Geldes überlässt. Hierzu Sonja Adam: In vielen Familien ord- net sich die Frau immer noch dem Mann unter. Zahlreiche Frauen liefern ihr selbst verdientes Geld integral zuhause ab, ohne auf den Gedanken zu kommen, dass sie selbst bei dessen Verwaltung mitreden kön- nen. Sie übernehmen darüber hinaus die Aufgaben des Haushaltes neben der Berufs- Gedanken zur Doppelbelastung Joëlle Letsch, die als Arbeitspsychologin mit zahlreichen berufstätigen Frauen in Betrie- ben, Kliniken sowie öffentlichen Funktionen in Verbindung kommt, und also Frauen ver- schiedener Bildungsgrade kennen lernen konnte, bestätigte ihrerseits, dass es für Frauen selbstverständlicher geworden ist, zu arbeiten, dies oft aus finanziellen Gründen. Allerdings bleiben die häuslichen Aufgaben und Verantwortungen oft noch ausschließ- lich an den Frauen hängen, was Jodie Letsch als eines der Hauptprobleme im Leben der modernen Frauen sieht. "Die Doppelbelastung, die vorwiegend ein Frauenproblem bleibt, beweist, dass die Frauen zwar in der Theorie gleichberechtigt sind, dass sie aber die Organisation der Fami- lie oft ganz allein in die Hand nehmen müs-sen. Dies führt dazu, dass berufstätige Frau- en nach der Arbeit schnell noch einkaufen gehen und sich um die Schulaufgaben und die Freizeitaktivitäten der Kinder kümmern. Dies ist alles möglich, solange kein wirkliches tätigkeit, fühlen sich überfordert und kom- men mit diesen Sorgen in die Arztpraxis. Diese Frauen lassen sich innerhalb der Ehe ausnutzen und haben dann gesundheitliche Probleme. Häufig müssen Frauen, welche zum Beispiel den Beruf der Sekretärin ausüben, sich viel gefallen lassen. Einige verheiratete Frauen, die unterdrückt werden, mucken wohl hin und wieder auf, lenken jedoch wegen des Hausfriedens oder wegen der Kinder dann wieder ein. Ich schät- ze den Anteil der wirklich emanzipierten Frauen in unserer Gesellschaft auf etwa ein Drittel." Unterdrückung, die also nach wie vor in unserer Gesellschaft weiter besteht, respek- tiv Gewalt und Unterordnung, ziehen sich quer durch alle gesellschaftlichen Schichten. imedia Problem kommt. Werden jedoch bei einem Kind zum Beispiel Schulprobleme festge- stellt, wird der berufstätigen Frau oft die Schuld dafür in die Schuhe geschoben. Dies kann sowohl durch den Ehepartner als auch durch die Familie geschehen. Insgesamt ist zu beobachten, dass die Chancengleichheit in der Ehe recht gut funktioniert, bis zu dem Zeitpunkt, an dem das erste Kind zur Welt kommt. In diesem Moment ist es meistens die Frau, die im Beruf zurücktritt, die halbtags arbeitet. Auch habe ich festgestellt, dass Frauen mit Kindern in Betrieben weniger gefragt sind in Führungspositionen. Ihnen wird nachgesagt, dass sie durch Kinder weni-ger belastbar sind, dass sie nicht mehr so prä- sentsind. Die Männer in den Betrieben sehen sie einfach mit anderen Augen an." Sonja Adam-Becker: "Ich schätze den Anteil der wirklich emanzipierten Frauen in unserer Gesellschaft auf etwa ein Drittel." Joëlle Letsch: "Insgesamt ist zu beobachten, dass die Chancengleichheit in der Ehe recht gut funktioniert, bis zu dem Zeitpunkt, an dem das erste Kind zur Welt kommt."La Ville de Luxembourg est consciente de la nécessité absolue de l'égalité des chances madame Véronique Scheer est entrée au service de la Ville de Luxembourg en date du premier octobre 2002. Psychologue de formation mais aussi détentrice d'un MBA, elle a été nommée dans la carrière de l'attaché administratif et rattachée à la direction des ressources humaines, avec pour mis-sions l'égalité des chances entre femmes et hommes au sein de l'Administration communale, la formation conttnue et la gestion des dossiers concernant les inter-ventions du psychologue de travail, Véronique Scheer «C'est par le travail que la femme a en grande partie franchi la distance qui la séparait du m'ale;. c'est le travail qui peutseul lui garantir une liberté» Simone de Beauvoir Die Unterdrückung der Frau ist nicht mehr salonfähig Was die von Sonja Adam angesprochene Unterordnung vieler Frauen unter die Män-ner anbelangt, unterstrich Joëlle Letsch, dass es in verschiedenen gesellschaftlichen Krei- sen doch nicht mehr wirklich salonfähig ist, die Frauen zu unterdrücken. Jedenfalls wer- den Vorurteile gegen Frauen, respektiv frau-enfeindliche Äußerungen weniger offen ausgesprochen. Auch sei, so Joëlle Letsch, die Akzeptanz für die Emanzipation der Frau in gehobeneren sozialen Milieus besser; Mädchen werden darüber hinaus verstärkt gefördert, eine Berufausbildung zu machen. Trotz der allgemeinen gesellschaftlichen För- derung der Berufstätigkeit der Frauen wurde festgestellt, dass noch im mer viele Frauen sich dafür entscheiden, zuhause zu bleiben, und dies aus Überzeugung. "Frauen, die sich der Erziehung der Kinder widmen, haben ohne Zweifel alle Hände voll zu tun", erklärt Sonja Adam. "Es gibt Frauen, die sich nach wie vor in dieser Rolle ganz entfalten, und die ihren Kindern auch zahlreiche Anregungen bieten. Diese Frauen, die sich voll mit ihrer Mutterrolle identifizieren, werden auch all- gemein zurecht kommen, wenn die Kinder aus dem Hause sind. Oft wenden sie sich dann anderen Beschäftigungen, zum Bei- spiel im Bereich des Vereinslebens zu. Einige beginnen auch, wieder zu arbeiten, wenn die Kinder grog sind. Diese Frauen ziehen ihre Zufriedenheit oft aus der Anerkennung ihres Partners und der positiven Entwicklung der Kinder." Joëlle Letsch weist ihrerseits auf jene Proble- me hin, denen Frauen begegnen, welche längere Zeit nicht gearbeitet haben und dann Place de la Constitution 1967 Edouard Kutter geschieden werden. "Oft waren diese Frau- en an einen komfortablen Lebensstandard gewöhnt, den sie auf einmal verlieren, wenn sich zum Beispiel der Mann in eine andere Frau verliebt. Diese Frauen büßen bei einer Scheidung ihren Lebensstandard ein und kommen oft sehr schwer damit zurecht." Sonja Adam fügt in diesem Zusammenhang hinzu: "Wenn verheiratete Frauen einen hohen Lebensstandard haben, neigen sie oft dazu, so Einiges in der Ehe zu akzeptieren, da sie ja versorgt sind. Junge Frauen stellen dagegen andere Anforderungen. Zwar wol- len sie heiraten und auch Kinder bekommen, jedoch nicht mehr zu den gleichen Bedin- gungen wie die Frauen früher. Besonders luxemburgische Mädchen gehen heute mit mehr Selbstvertrauen ins Leben." Wenn Frauen allein leben Angesichts der Tatsache, dass die Zahl der Scheidungen in unserer Gesellschaft zunimmt und dass auch eine wachsende Zahl von Frauen sich dafür entscheidet, allein zu leben, können alleinstehende Frauen ver- schiedenen Problemen begegnen. Zahlreiche junge Frauen sind heute allein auf sich gestellt, müssen Beruf und Kindererzie-hung unter einen Hut bekommen und haben nicht immer einen Ansprechpartner, mit dem sie die Sorgen und die Verantwortung um die Kinder teilen können. Joëlle Letsch sagt hier- zu: "Besonders jene Frauen, die Schichtar- beit machen müssen, zum Beispiel in Klini- ken, sind sehr belastet. Viele sind gezwun-gen, ihre Kinder bei der Nachtschicht allein zu lassen. Auch bei der Frühschicht wissen sie, dass ihre Kinder allein aufstehen und zur Schule gehen müssen. Dies ist für die betrof-fenen Frauen sehr belastend. Auch haben sie oft niemanden, mit dem sie sprechen können und der die Verantwortung mit ihnen trägt." Andere Probleme stellen sich darüber hinaus für alleinstehende Frauen, die älter werden. Hierzu Joëlle Letsch:" Besonders schwierig ist die Situation alleinstehender Frauen Ober 45, die ihre Arbeit verlieren. Sie haben das Gefühl, nirgendwo mehr dazu zu gehören. Solange Frauen, die allein leben, sich voll in ihre Arbeit investieren können, kommen sie klar. Verlieren sie jedoch ihre Arbeit, können sie wirklich in die Depression abrutschen, dies umso mehr, da es sehr schwer ist, nach 45 wieder eine neue Arbeit zu finden. Diese Frauen wissen nicht mehr, wo sie stehen, und wo sie hingehen sollen. Auch ist es far sie schwierig, noch einen Mann zu finden, da sich die Männer in diesem Alter eher far jün- gere Frauen interessieren". Sonja Adam ver- tritt in diesem Zusammenhang die Ansicht, dass der Verlust des Arbeitsplatzes für Män- ner in diesem Lebensabschnitt genauso gra- vierend ist: "Auch Männer, die nach 45 ihre Arbeit verlieren, können eine Depression bekommen, weil sie die Verantwortung air den Unterhalt der Familie tragen." Der Dialog der Generationen Die Emanzipation der Frauen erleichtert nicht unbedingt immer den Dialog der Gene- rationen. Viele Frauen, die heute über 70 sind, waren mit ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter zufrieden und fühlen sich durch die Umwälzungen der Rolle der Frau in Frage gestellt. Oft haben sie das Gefühl, sich bei jüngeren Frauen rechtfertigen und erklären zu müssen, sie hätten sich nie unterdrückt gefühlt, was sicherlich für viele auch stimmt. Laboratoire National de Santé, 1959 Viele Frauen, die heute um die 60 sind, haben ihr Leben lang gearbeitet und stehen nicht unbedingt als Großmütter zur Verfü- gung, so wie jene Generation, die heute über 75 ist. Die Rolle der Großmütter, bzw. der Großeltern, bleibt trotz allem wichtig und positiv, weil Großeltern den Kindern einen anderen Blick auf die Gesellschaft und deren Werte erlauben. Der bedeutende gesellschaftliche Fortschritt im Leben junger Frauen ist nach Joëlle Letsch und Sonja Adam die Tatsache, dass diese heute nicht mehr zwischen Beruf und Kin- dern wählen müssen, sondern dass sie beides haben können. Liebe und Sexualität Was jetzt die Erwartungen junger Frauen im Bereich der Partnerschaft und der Sexualität anbelangt, ist davon auszugehen, dass trotz einer vordergründigen sexuellen Freizügig- keit die Art und Weise, wie junge Frauen an die Sexualität herangehen, sich nicht grundsätzlich von jener der vorigen Genera- tionen unterscheidet. "Es ist nicht anzuneh- men, dass junge Mädchen heute in bezug auf die Sexualität unbefangener sind, auch wenn es Fernsehsendungen gibt, die diesen Eind ruck vermitteln. Es gibt bei jungen Mädchen nach wie vor noch immer eine natürlich Scham," sagt Sonja Adam zu die- sem Thema. Joëlle Letsch vertritt ihrerseits die Meinung, dass das Prinzip der ehelichen Treue heute etwas an Bedeutung verloren hat, und dass außereheliche Beziehungen doch häufiger vorkommen als früher, viel- leicht deswegen, weil durch den beruflichen Alltag Männer und Frauen enger im Kontakt sind. Sonja Adam ist ihrerseits der Ansicht, Tony Krier C) Photothèque de la Ville de Luxembourg dass die eheliche Untreue früher anders, das heißt versteckter ausgelebt wurde, dass sie heute also eher enttabuisiert ist, jedoch sich an ihrer Tragweite nicht unbedingt Grund- sätzliches geändert hat. Die weiblichen Lebensentwürfe haben sich in den letzten dreißig Jahren diversifiziert, und oft müssen Frauen, respektiv Eltern und Partnerschaften, sehr viel Kreativität und lnitiativgeist beweisen, um den zahlreichen Anforderungen des modernen Lebens gerecht zu werden. Wichtig erscheint in diesem Zusammen- hang, die Toleranz für alle diese Lebenswege von Frauen in unserer Gesellschaft zu för- dern, so dass sowohl berufstätige Frauen als auch Hausfrauen und Mütter sich in einem gesellschaftlichen Umfeld wohlfühlen kön- nen, in dem es zwar keine vorgeschriebenen Rollen mehr gibt, aber noch sehrviele unaus-gesprochene Vorurteile, verschiedentlich auch Ungerechtigkeiten, zahlreiche unverar- beitete Emotionen, die mit der Doppelbelas- tung, manchmal auch mit der Einsamkeit, einer hin und wieder als beängstigend erleb- ten Freiheit sowie auch mit den manchmal schlecht verarbeiteten rasanten gesellschaft- lichen Veränderungen einhergehen. Interviews: Colette Mart


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