07/03/2004 17:52 Alter: 15 yrs

Sauberes Wasser für die Stadt Luxemburg

Kategorie: 75/2004 - Hygiene 75/2004 - Hygiene

?WI/re, 19. Jahrhundert wir wollen uns bei der Problematik der öffentlichen Hygiene an dieser Stelle auf die Trinkwasserversorgung beschränken, da sie europaweit zu den frühesten Stadt- reglementen führte. In Fachkreisen war man sich ab dem 13. Jahrhundert der Bedeutung des Trinkwassers als möglicher Krankheitsursache bewusst. Aegidius Romanus (t1316) brachte dies in seinem um 1277 verfassten De Regimine principum bereits klar zum Ausdruck. Es ergab sich aus dieser Beobachtung eine Flut von Ge- und Verboten: Verbot Schuhe, Windeln, Kleider, Kraut usw. am Brunnen zu waschen, Verbot, krankes oder räudiges Vieh dort zu tränken. Überall wurden Pestkranke, regional auch Personen, die lediglich Kontakt mit Pestkranken hatten, von den Brunnen ferngehalten. War ein Tier in den Brunnen gefallen, so musste dieser mittels einer aufwendigen Prozedur ge-reinigt werden. Die besondere Topographie der Stadt Luxemburg brachte es mit sich, dass ausgerechnet das gutbürgerliche Stadt-zentrum in punkto Wasserversorgung am prekärsten dran war. Die Unterstädte verfügten über einen durchfließenden Bach, die Alzette. Allerdings war aus dem einst fischreichen Gewässer mit der Zeit eine träg dahinfließende Jauche geworden. Dafür standen ihnen seit alters her mehrere Quellen bzw. Laufbrunnen zur Verfügung. SAUBERES TRINKWASSER für die Die Oberstadt, in der die Leute meist dichtgedrängt beisammen lebten, war deutlich schlechter dran als die Vorstädte. Das Problem des für den Durst und die hygienischen Verrichtungen so wichtigen Wassers war umso schwerer zu lösen, als die Stadt Luxemburg in ihrem Kernbereich, der Oberstadt, über keinerlei Fließgewässer verfügte. Ein kleiner Bach, der früher einmal aus der Gegend des Judentores in Richtung Heiliggeistkloster geflossen war (v. Werveke, S. 54) und im Bereiche der Onkeschgaass wohl einen Froschweiher genährt hatte, war schon früh versiegt: spätestens Ende des 14. Jahrhunderts bei der Anlage des Festungs- grabens vor der dritten Ringmauer muss sich der Grundwasserspiegel im Innenraum der dritten Mauer in einer Weise gesenkt haben, dass der Flusslauf austrocknete. Das Wasser floss nun möglicherweise in umgekehrter Richtung und leitete einen Teil des Ober- flächen- und Reste des Grund-wassers in den Stadtgraben. So verfügte die Oberstadt ab dem 14. Jahrhundert über kein fließendes Gewässer mehr. Der Graf, die Klöster und einige wenige Bürgerfamilien konnten sich einen Ziehbrunnen ausgraben lassen. Bis zur Anlage der großen Ziehbrunnen aber muss in der Oberstadt, trotz solch sporadischer Selbsthilfen, ein spürbarer Mangel an frischem Trinkwasser geherrscht haben: möglicherweise ein Grund für die -.Ie *es rie. ? - tr. e gem v..: 17.."1111111 "6* er.Stadt Luxemburg zögerliche Besiedlung des viel zu groß geratenen Stadtgebietes zwischen der zweiten und dritten Ringmauer. Des einen Leid, des andern Freud': die Tagelöhner der Unterstädte schleppten das fehlende Wasser eimerweise in die Oberstadt und verdienten sich auf diese Art als ?Waassermann" eine bescheidene Existenz ? ein Grund für die vehementen Proteste der Vorstädtler gegen die Einführung eines zentralen städtischen Rohrleitungsnetzes gegen Ende des 19. Jahr-hunderts. Zustände ab der Renaissance Dem Beispiel der Römer folgend, die ihre Städte einst mittels aufwendiger Aquadukte mit Wasser versorgt hatten, um Bäder und Brunnen zu speisen, legte man in der Renaissance gesteigerten Wert auf Wasser und auf Sauberkeit. Hinzu kam der mahnende Zeigefinger mancher Ärzte, die auf die Gefahren der Unhygiene hinwiesen.' Solange ihre Forderungen nicht statistisch untermauert waren, war mit einer Reaktion der verantwortlichen Gremien in den Stadtverwaltungen nicht zu rechnen. Der große Mathematiker und Kämpfer für den Sozialstaat Condorcet (1743-1794) führte im ausgehenden 18. Jahrhundert die Wahrscheinlichkeitsrechnung in die Studie der sozio-ökonomischen Prozesse ein ? offiziellen Eingang in die Medizin fand die ?méthode numérique" erst mit Pierre Louis (1787-1872). Die neue, quantitative Betrachtungs-weise sollte schon bald in der Medizin eine völlig neue Wissenschaft entstehen lassen, die ?Öffentliche Hygiene" ? deren promi-nentester Verfechter der Arzt Johann Peter Frank (1745-1821) wurde. In seinem 15- bändiges ?System einer vollständigen medi-cinischen Polizey", welches in den Jahren 1779 bis 1819 veröffentlicht wurde, schlug er ein politisches System vor, in dem die kollektive Hygiene ermutigt wurde und eine polizeiliche Überwachung für die Durch-setzung der behördlichen Maßnahmen sorgte. Erstaunlich ist die Tatsache, dass dieser Aufschwung der Hygiene der Ent-deckung der Bakterien vorauseilte. Man wartete nicht die Kenntnis von den Über- tragungsmechanismen ab, um dennoch zielgerecht und mit zum Teil erstaunlichem Weitblick zu legiferieren! Die ?Gesundheitspolizey" von Frank wirkte über die Grenzen hinweg. Im Wälderdepartement stoßen wir unter fran-zösischer Herrschaft auf die entsprechen-den Bemühungen. 1812 ließ die Verwaltung eine Umfrage erstellen, die auch Fragen der öffentlichen Hygiene betraf. Hören wir die Stellungnahme des Arztes Detten: ?Die in der Stadt Echternach insbesondere, aber auch im gantzen Kanton herrschende Gewohnheit, ein näheres, schlechtes, mit Leim und Gips oder durch den Gebrauch verunreinigtes Wasser zu trinken und zur Bereitung der Speisen anzuwenden, wenn man auch nur einige Schritte entfernter ein reines Quellwasser haben kann". Die Bevölkerung war also wenig bemüht um die Qualität des Trinkwassers. Sorgloser Umgang mit dem Wasser auf dem Lande, wo fast durchgängig Wasser in ausreichender Quantität zur Verfügung stand. Anders die Lage in der Hauptstadt. Wasser vom Ziehbrunnen Noch 1684 standen der Bevölkerung in der Oberstadt keine Brunnen zur Verfügung ? nur das Schloss auf dem Bockfelsen und zwei Klöster verfügten zu diesem Zeitpunkt über Ziehbrunnen. Erst Vauban ließ drei Brunnen in der Oberstadt graben ? allesamt für das Militär reserviert. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts bestanden kleine Ziehbrunnen in der Oberstadt? eine Akte von 1701 (Notar Pierret) erwähnt einen ?petit puids" in der Oberstadt ? ein Hinweis möglicherweise dafür, dass es auch einen größeren Brunnen gab. Im 17. Jahrhundert wurden endlich große Brunnen gegraben ? allesamt militä-rische Werke', von denen die normale Bevölkerung nur marginal profitieren konnte; ab 1688 arbeiteten die Franzosen an Fontaine Saint Nicolas, rue de l'Eau 23Li..i?(embour] 24 drei Brunnen in der Oberstadt, die meisten wurden erst unter österreichischer Herrschaft beendet: 1. dem Rothe-Brunnen auf dem Platz des Gerichtskreuzes. 2. dem Brunnen am heutigen Paradeplatz 3. dem Brunnen der Neuthorkasernen. Auch der Rhambrunnen lag im militärischen Sperrgebiet. Er wurde von den Österreichern begonnen und 1814 von den Preußen beendet. Für Zivilisten war er nicht zu erreichen. Über die Qualität des hier geschöpften Wassers liegen uns keine Berichte vor. Da sich auf dem Brunnengrund die Sickerwässer der Stadt mit dem Quellwasser vermischten, rächte sich ohne Zweifel die jahrhunder- telange Verschmutzung des Untergrundes dieser Stadt durch Abfälle, die in den Gassen gelegen waren: von einer biologischen Fil- Chap!! lie de St. Quite! Groinohne terwirkung des felsigen Untergrundes konn-te bei der Durchtränkung mit organischen Zersetzungsprodukten wohl keine Rede mehr sein. Wasser aus der Zisterne Das Trinkwasser für die Oberstadt musste mühevoll aus den Vorstädten herangekarrt werden. Kein Wunder also, wenn die Bevölkerung der Oberstadt ver- mehrt auf Regenwasser zurückgriff, das in privaten Zisternen aufgefangen wurde. In Luxemburg verfügte fast jedes Haus über eine derartige Zisterne', manche klein und bescheiden, andere protzig groß. Schon früh gab es eine städtische Reglementierung der Taubenhaltung, die darauf abzielte, die Regenrinnen und die Zisternen frei von Taubenkot zu lassen: 05.10.1723: ?Deffense de jetter de l'eau ou autre chose dans les rues, de tenir des pigeons, cochons, ordre de construire des latrines en maisons où l i n 'y en a pas". Auch das Militär nutzte diese Möglich- keit der Wasserstockierung. Die Festungs- verwaltung verfügte über Zisternen4, so etwa im Inneren der Kasematten, die durch die Entwässerung der Gräben und durch anderes Sickerwasser gespeist wurden, sowie übergroße Behälter in den Graben der Außenforts, von wo das Wasser mittels Handschwengelpumpe in einen hochge- legenen kleineren Behälter gedrückt und dann verteilt wurde. Zur qualitativen Verbesserung wurde das Wasser dieser Zisternen durch geräu- mige Kalksteinfilter geleitet.' Mit wech- selndem Erfolg. Kein Wunder also, wenn aus den Reihen des Militärs Überlegungen laut werden, wie man diese Zisternen optimieren könnte. Im Zisternenwasser fanden sich in der Tat regelmäßig Moose, Federn, Haare ?und sogar eine Art kleiner Baumläuse, welche man durch die in die Wasserbehälter geworfenen Kalksteine zu zerstören sucht. Durch diese Verkalkung aber theilt sich anderer Seits dem Wasser ein beißender und brennender Geschmack mit, der durch die in dem Schneewasser befindliche Atzkraft des Salpeters verstärkt, auf die Gesundheit der Menschen und der Thiere die nachtheiligste Wirkung haben muss, der man die Anlage zu dicken Hälsen bei mehreren jungen Leuten unserer Stadt zuschreiben will"' ? der Zusammenhang zwischen Trinkwasser- qualität und der Entstehung des Kropfes war erkannt, auch wenn die Erklärung über das Schmelzwasser völlig obstrus war. Ein Ex-Militärempfah11822 den Umbau der Zisternen: ? Vorschlag zur Erhaltung eines geläu- terten Cistemenwassers, von J. Chauchet, ehemaligem Capitän des Geniewesens 114 Wer nun noch der Unreinlichkeiten alle gedenkt, welche Vögel, Katzen, Ratten, Mäuse und anderes Unthierauf den Dächern und in den Dachrinnen unaufhörlich absetzt, des feine, ätzenden Staubes, der bei mäßiger Trockenheit aus den Straßen, Gassen und unsaubern Winkeln in die Höhe zieht, und sich auf den Dächern ansetzte; der Taus- enden von Insekten und ihrer Eier und unmerklichen Pflanzen theilchen, die die Windstöße herbeiführen, welches alles ein wohltätiger Regen in die Cisternen herab-schwemmt, der wird im geringsten nicht zweifeln, dass das Cisternen wasser dadurch unrein, trübe, schlammig, geschmackwidrig, eckelhaft und für die Gesundheit höchst nachtheilig werden müsse."' Der Autor betonte, dass die Natur diese natürlichen Abwässer klärt, indem sie durch Erd-, Sand- und Steinschichten gefiltert werden, bevor sie als Quelle zu Tage treten. Um dieses Klärprinzip auf die Zisternen auszudehnen empfahl er Sandfilter, durch die das Regenwasser geläutert werden sollte, noch bevor es in die Zisterne gelangte. Es blieb demnach nur, den Sand und das Rohrsystem ab und zu auszuwaschen. Herr Chauchet hatte das Pulver nicht gerade erfunden ? das Prinzip seiner Sinterkä.sten war uralt, dennoch war sein Vorschlag gutgemeint. Ob er befolgt wurde steht wiederum auf einem anderen Blatt. Zeitungs- und Stadtschreiber M.L. Schrobilgen bezog um 1836 ein Haus unterhalb des Bockfelsens ? es besaß eine eigene Quelle, und sicherheitshalber zusätzlich eine Zisterne. Die Qualität dieses Zisternenwassers betreffend finden wir folgende Aussage: ?On y puisait une eau où grouillaient des myriades d'animalcules rouges; on le filtrait à travers un linge à peu près propre, et l'on ne s'en portait pas plus mal." (Mersch8 S. 48). Die Erinnerungen sind zweifelsohne durch den zeitlichen Abstand verklärt und idealisieren eine bakteriologische Kata- strophe zum amüsanten ?Filtern von far- bigen Tierchen". Auch unsichtbare ?Tier-chen" gab es im Zisternenwasser mehr als genug ? viele Hauser der Oberstadt hatten Pferde- und Schweineställe, bakterien- belastetes Sickerwasser aus Misthaufen rundeten das unhygienische Bild ab.Heutzutage kommt das Prinzip des Sand- und Kiesfilters in der Haustechnik nicht mehr zum Einsatz. Diese Filterung hat in der Tat den großen Nachteil, dass sich die zurückgehaltenen Bestandteile durch das durchfließende Regenwasser langsam auflösen und sukzessive in die Zisterne eingetragen werden. Außerdem verhalten sie sich bei höheren Temperaturen wie ein Brutreaktor für Keime jeder Art!' Wasser aus der Flasche Jahrhundertelang blieb man auf das Regenwasser angewiesen, das man in Zisternen sammelte, und auf Brunnen-wasser, das man sich für teures Geld eimerweise von den Quellbrunnen der Vorstädte herbeischaffen ließ. Manch einer aber zog es vor, seinen Flüssigkeitsbedarf mit alkoholischen Getränken zu decken. Koltz (Bd. I, S. 173) meint in der Wasserknappheit der Oberstadt einen Grund zu erkennen für den starken Weinkonsum in der Hauptstadt. Ab dem 18. Jahrhundert kam der Import von natürlichen Mineralwässern hinzu ? die Apotheker wussten geschickt das schon teure lokale Angebot durch noch teurere Importe zu ergänzen: 1.3.1787: ?quelques bouteilles eau de Spa àloseph Mersch (Art. N°576), 6 Bouteilles DEATH'S DISPENSARY. .a eau de Spa au Sieur Ensch (Art. N° 636)." (AEL, Notaire Chr. Barthels, 1787 N°2). 31.8.1787: ?dixhuit cruches de grais eau minérale a Eve Barthelemy" (Art. N° 4) (AEL, Notar Chr. Barthels 1787 N°5) Der Apotheker Dargent (Grand'rue 155 in Luxemburg) bot 1852 16 verschiedene Markenwässer an: ?Biresbom, Heppin gen, Marienbad, Schwalbach, Selters, Vichy, Ems, Hombourg, Mondorff, Seidlitz, Spa, Fachin gen, Kis-singen/Ragozzi, Pilna, Seidscheitz, Tönis- stein und andere mehr. "10 Wenige Jahre später investierte er gar in eine eigene Apparatur": ?L'acquisition d'une machine à haute pression m'a mis à même d'établir des prix beaucoup inférieurs a ceux auxquels ces produits étaient fournis jusqu 'à présent". Wasser vom Hydranten Eine üble Choleraseuche suchte die Stadt 1832 heim mit 213 Toten. 1841 herrschte der Typhus in der Stadt. Im Gefolge dieser Epidemien setzte der Schöffenrat 1845 eine Kommission ein zum Studium der Wasserfrage; am 28.1.1847 beschloss der Schöffenrat einstimmig, einen öffentlichen Wettstreit zur Anlage einer Wasserleitung auszuschreiben. Das einzige OPEN TO THE POOH, GHATIS, RY l'EHMISSION Relikt einer alten Zisterne im hauptstädtischen Geschichtsmuseum imedia eingereichte Projekt stammte von einem Herrn De Lenn, der das Wasser aus Garnich in die Stadt leiten wollte ? ein äußerst kostspieliges Projekt, das zudem wegen Sicherheitsbedenken von der Festungs- verwaltung abgelehnt wurde ? im Kriegsfall wäre es für den Feind ein Leichtes gewesen, die Stadtvon seinen Quellen abzuschneiden. Man trank weiter dezentral, d.h. aus Eimern und Flaschen! Als eine neue Epidemie 1865 auf die Stadt zurollte, war die Wasserfrage akuter denn je. Dabei herrschte in Fachkreisen immer noch keine Einigkeit! Auf was sollte man beim Wasser achten. Auf die Keime? Dazu die folgende Bemerkung. 1865 Ober- trug man dem Arzt und Apotheker Max von Pettenkofer (1818-1901) in München den ersten Lehrstuhl für Hygiene auf deutschem Boden. Seit 1855 hatte er sich mit der Frage der Entstehung von Cholera und Typhus befasst ? ausgehend von geologischen Studien und epidemiologischen Erhebun-gen gelangte er zur Überzeugung, dass es sich bei diesen Erkrankungen um ?tellu- rische" Phänomene handelte. Er kam zur Schlussfolgerung, dass es nur dann zur Seuche kommen kann, wenn der spezifische Krankheitskeim auf den passenden Boden-typ trifft. Nach Pettenkofer stellten Keime allein somit keine Gefahr dar. Die Vorgeschichte hatte gelehrt, dass Luxemburg ein durchaus geeigneter Nähr- boden war für die entsprechenden Keime. Als eine neue Epidemie 1865 auf die Stadt zurollte, beschloss die Stadtverwaltung daher am 4.10.1865 ein ?Règlement sur la 25salubrité publique", mit der Gründung von Komitees, deren Aufgabe darin bestand, die erforderlichen hygienischen Zustände zu schaffen, um die Stadt vor der Cholera zu schützen. Die Zeit reichte natürlich bei weitem nicht aus, um Luxemburg mit einem leistungsfähigen Wasserverteilungs- und Abflusssystem auszustatten. Doch wurde man sich der Bedeutung eines solchen Systems nur allzu bewusst, als die Seuche im Sommer 1866 die Stadt überrollte und 252 Todesopfer forderte. Die Arbeit dieser Kom- mission wurde immer wieder angeführt, wenn später über Stadthygiene diskutiert wurde (Aschmann, Bull. comm. 18745. 239). In der Tat hatte sie sich von führenden Geologen und Hygienikern beraten lassen und war zu einem praktikablen Ergebnis gekommen: die Neuthorquelle durfte ans Netz!. Mit dem gesteigerten Verlangen der Bevölkerung nach Hygiene stieg der Wasserverbrauch bald gewaltig an, seit den bitteren Erfahrungen mit der Cholera legte man zudem gesteigerten Wert auf hoch-wertiges Wasser. Noch war Luxemburg eine Festung des Deutschen Bundes und unterlag von daher besonderen Sicherheitskriterien. Die Stadt durfte auf keinen Fall von einer externen Wasserzufuhr abhängig werden, die vom Feind hätte gekappt werden können. Wo also konnte man Wasser innerhalb des Festungsperimeters finden? Wasserturm am Bäderplatz, 1880 26 V Pumpstation auf Kriegelsbur (Pulvermühl), 1938 Wenn der Südhang des Stadtplateaus einst ein Quellniveau besessen hatte, so waren die Quellen hier sonder Zweifel durch die Anwesenheit des Hellepull unbrauchbar als Trinkwasser. Zudem hatten die Festungs-ingenieure dieses Gelände derart verändert, dass ab dem 18. Jahrhundert von Quellen im Petrusstale keine Rede mehr geht. Wir haben gesehen, wie seit dem 18. Jahrhundert der westliche Abhang des Limpertsberg als Mistabladeplatz genutzt wurde. Die Auslagerung des Nikolaus- friedhofes in die gleiche Gegend tat ein Übriges dazu, die Sickerwässer vom westli- chen Limpertsberg ungenießbar zu machen. Blieb der östliche Limpertsberg, mit den Quellen auf der Ostseite des Hochplateaus, d.h. am Fuße des Eicherberges. Die Quellen wurden um 1860 erschlossen, das Wasser in die Oberstadt zum ?Bäderplatz" gepumpt, von wo es in die Badeanstalt in die öffentlichen Zapfsäulen und schließlich in die privaten Haushalte verteilt wurde. Ein Pumpwerk im Pfaffenthal drückte das Wasser der Eichtorquellen zur Oberstadt ? der Plan der Anlage stammte vom Stadtarchitekten Jean-François Eydt und schlummerte seit 1858 in den Schubladen der Verwaltung. Die neue Leitung wurde am 20.9.1866 in Betrieb genommen: 1800 m3/Tag wurden in einen Behälter beim Kavalier Berlaimont hochgepumpt, von wo aus das Wasser in das städtische Netz abgegeben wurde: jeder konnte es nach Belieben an den öffentlichen Zapfstellen abfüllen ? mit einer Einschränkung: die 14 Säulen (Stand 1899) waren nachts abgedreht und öffneten morgens punkt 5 Uhr. Als man nach dem Abzug der Garnison und der Entmilitarisierung der Stadt endlich auch Wasser von außerhalb des Festungs- perimeters in die Stadt leiten durfte, konnte man auf unbelastete Quellen zurückgreifen, u.a. in Kopstal. Dennoch kam es schon 1878 erneut zu einer Typhusepidemie. Die Wasserfrage führte im Gemeinderat zu einem kuriosen Streit zwischen zwei Ärzten: am 5.12.1874 protestierte der Stadtrat Dr. Edouard Aschmann, der zugleich Präsident des Ärztekollegiums war, vehement gegen die ?assertions hasardées" seines Kollegen Dr. Schmit, der im Großherzoglichen Institut ausgesagt hatte, dass das Leitungswasser der Stadt leicht durch schädliche Substanzen verseucht und dadurch eine Krankheitsursache werden könne für die Stadtbevölkerung' und der Thevesbourdas bessere Wasser liefere... Der Bericht Aschmanns zeugt von einer gehörigen Portion Naivität und Blau- äugigkeit: ?// me reste à vous entretenir sur une erreur dans laquelle versent qq. hygiénistes qui prétendent que la fumure de..4TZEBURG'1860. 0 Musée d'Histoire de la Ville de Luxembourg Postkarte nach einer Zeichnung von Louis Kuschmann, 20. Jahrhundert Photothèque de la Ville de Luxembourg nos terres, principalement avec des engrais liquides peut devenir une cause d'insalubrité pour les sources qui sont alimentées par les eaux filtrées à travers les terres cultivées. Ce serait bien malheureux pour l'agriculteur si, par une pluie survenant après la fumure, ses engrais liquides ou solubles étaient dans le cas d'être entraînées au sein de la terre... heureusement n'en est rien. Aschmanns Ausführungen gipfelten im christkatholischen Bekenntnis: ?Ainsi le créateur, dans sa sagesse et sa prévoyance infinies, a mis ici comme dans beaucoup d'autres choses terrestres, le remède à côté du mal. Leider vernachlässigte der liebe Gott gar allzu häufig seine Schöpfung. Als Ägypten 1883 von der Cholera heimgesucht wurde, vergaß er, das ?remède à côté du mal" zu stellen - die Menschen starben wie die Fliegen. Robert Koch (1843-1910) wies in diesem Jahr den Erreger der Cholera nach ? die nun einsetzende ?wissenschaftliche" Behandlung des Themas führte zu einer fast hysterischen Angst der Leute vor Bakterien. Hatten bislang nur Spinnen und Mäuse unsere Hausfrauen aufschreien lassen, so war es nun die viel insidiösere, weniger zu kontrollierende Vorstellung, mit Bakterien konfrontiert zu sein. Immer neue Keime wurden verantwortlich gemacht für Durchfallerkrankungen nach Genuss von unsauberem Wasser: Salmonellose (Ebert, 1880) Escherichia (Escherich, 1885) Shigella (Shiga, 1888) 1890 kam es in der Stadt erneut zu einer heftigen Typhusepidemie. Natürlich ließ man unverzüglich die Quellen der Stadt chemisch untersuchen (D'Huart, op.cit. S. 34-35), ? dabei stellte sich heraus, dass das Trinkwasser 5.25 ?parties d'anhydride azotique" auf 100 000 Teile enthielt (0.5 bis 1.5 waren international geduldet), ein Wert, den schon 12 Jahre zuvor Prof. Reuter ermittelt hatte. Dieses Resultat belegte die langfristig erhöhte Belastung des Trink-wassers mit organischen Abfällen. Unser Quellwasser war ungenügend gefiltert. D'Huart, der eigentlich Chemiker war, wurde am 6.6.1890 vom Kantonalarzt Koch beauftragt, auch die bakterielle Belastung zu bestimmen, eine weitere Probe wurde zu Prof. Aschmann, Chemiker, in die Ackerbau- schule von Ettelbrück geschickt.' Das Collège médical ließ derweil das Trinkwas-ser im Ausland untersuchen und beauftragte Prof. Fresenius in Wiesbaden mit einer Analyse ? laut Pressebericht stieß der Professor auf Typhusbakterien!' Einzelne Stadtväter versuchten das Problem kleinzureden: ?Personne jusqu'à ce jour n'a trouvé le bacille typhogène dans notre eau potable. In ne faut donc pas trop s'effrayer de toute cette microbede L.] Quant aux microbes pathogènes et typhogènes c'est plutôt l'air 27que l'eau qui leur sert de véhicule pour entrer dans notre organisme." (Wittenauer am 11.7.1890, Bull.comm. N° 16 1890 S. 163). Behauptungen eines Laien ? Georg Wittenauer war Zivilingenieur! Junge Ärzte wie Adolphe Cary (1858-1901) und François-Valentin Baldauff (1860-1932) waren da ganz anderer Meinung und zögerten keinen Augenblick, mit ihren modernen Vorstellungen vor die Öffent-lichkeit zu treten, sehr zum Ärger des Establishment." Sowohl die Neuthorquelle als auch die Eicherthorquelle erwiesen sich als stark mit Bakterien belastet': 2.500 Mikroben auf 100 Liter, die vermutlich größtenteils vom Lim-pertsberger Friedhof stammten ? besagte Quellen wurden daraufhin 1892 aufge-geben und ihr Wasser in die Alzette ab- geleitet. ?Drei andere Quellen aber, welche im Inneren des Tunnels (er verband die beiden Hauptquellen und führte zu der Pumpe im Turm am Bäderplatz (Anm. d. Redaktion)] ihren Ursprung nahmen, hatten zwar einen starken Salpeter-Gehalt, von Bakterien waren sie jedoch frei. "17 Sie wurden für die Versorgung der Oberstadt beibehalten.' Ein unabhängiges Gutachten der Universität Jena (Prof. A. Gaertner) lag im März 1893 vor ? die Ergebnisse des einhei-mischen Chemikers D'Huart wurden bestä- tigt ? Luxemburg war erwiesenermaßen imstande, selber auf seine Sicherheit zu achten. Diese öffentliche Anerkennung wirkte sich zweifelsohne günstig aus bei der sich aufdrängenden Frage nach einem nationalen Hygieneamt: 1899 wurde vom Parlament ein Laboratorium votiert. Der Bau ging 1908 in Betrieb und unterstand einem Arzt: Dr. August Praum (1870-1928), der das Institut mit viel Geschick und Kompetenz bis zu seinem frühen Tode leitete. Wasser vom Hahn Die Stadtbewohner waren sparsame Menschen und machten von den Zapfsäulen eifrig Gebrauch. Dennoch ließen sie ihre Haushalte zunehmend an das Leitungsnetz anschließen. Jährliche Zuwachsraten um die 10% waren gängig: 1872 waren nur 86 Haushalte an das Netz angeschlossen19; 1899 waren es deren 118020 ? die anfängliche Befürchtung der Stadtväter, die Leute würden sich aus- schließlich an den unentgeltlichen Zapf- säulen eindecken und die Kosten für einen privaten Anschluss scheuen21, hatte sich demnach nicht bewahrheitet. Ende 1900 waren 25 staatliche und 20 kommunale Gebäude angeschlossen, und von den 4469 Privathaushalten der Stadt (461 ?individus isolés" plus 4008 ?ménages de famille")22 waren schon 1 222 angeschlossen (27%). 28 Epilog Noch bevor der erste Tropfen aus einer Leitung floss, ging die Phantasie mit einigen Stadtvätern durch, und sie begannen ?im nicht vorhandenen Wasser" zu schwelgen: 1864 wurde an ein öffentliches Bad auf dem Heilig-Geist-Plateau23 gedacht. Welch eine Wonne, als das Wasser 1866 endlich aus den Hähnen sprudelte und 1875 eine Bade- und Waschanstalt eröffnet wurde. 1900 ließen 14 öffentliche Brunnen ihr Wasser unentgeltlich sprudeln, 42 Rinnen- Innenansicht der Badenanstalt, nach 1930 (Ville de Luxembourg, Service médical des Ecoles) spüler sorgten für die Sauberkeit der Stra- ßenrinnen, ein ?tonneau d'arrosage" be-netzte die staubigen Straßen im Sommer, es gab 12 ?urinoirs publics à chasse d'eau", 27% der Haushalte hatten fließendes Was-ser. Damit hatte die Hauptstadt zu Beginn der ?Belle Epoque" den Anschluss an die große Welt geschafft und war zu einer hygienischen Stadt geworden. Henri Kugener ' Bull. comm. 1890 S. 153; ' Luxemburger Wort 1890. Juni 1890; " Bull. comm. 1890 5.164; Bull. comm. 1890 S. 148-154; "Der Moselbote vom 6.5.1892; 1' D'Huart, L'Eau alimentaire de la Ville de Luxembourg, in: Bull. comm. 1890; 19 Bull. comm. 1872. Bericht über den Stand der - Gemeindeangelegenheiten 5.14; " Rapport administratif pour l'année 1899, Luxembourg 1900, Bull. comm. 1900 S. 24; Bull, comm. 1868 S. 120; ' Publications de la Commission permanente de Statistique, 3e fascicule, Etat de la population dans le Grand-Duché d'après les résultats du recensement du ier décembre 1900, deuxième partie, Luxembourg 1903 S. 74; " Schöffe Martha, in: Bull. comm. N° 20 (1864) S.5 vom 11.8.1864. Fracastoro, De conta gione et con tagiosis morbis cura- tione, 1541; J. P. Koltz, Baugeschichte der Stadt und Festung Luxemburg, Bd. I, 1944, Bd. III, 1951; Paul Margue, Primum vivere, in: Das Leben in der Bundesfestung Luxemburg, Publication du Musée d'Histoire de la Ville de Luxembourg, S. 432 (zitiert werden die Kindheitserinnerungen von Frau Elise de Gail-Lamort aus: Mersch, Biographie Nationale Bd. IV S.575); ' J.P. Koltz, Baugeschichte der Stadt und Festung Luxemburg, 1. Band 1970 S. 542; J.P. Koltz, Archive S.98 Nr. 224-231; Luxemburger Wochenblatt vom 16.2.1822; ' Luxemburger Wochenblatt vom 16.2.1822; J. Mersch, Biographie Nationale Tome I; Poerschke-Umwelttechnik /Deutschland. Werbeschrift Internet 2003; Luxemburger Wort vom 23.5.1852; 11 Luxemburger Wort vom 6.6.1858; " Bull. comm. 1874, S. 238-239;MOM DifR _


Dateien:
PDF(2.2 Mb)

75/2004 - Hygiene

p.  1