21/09/1991 18:21 Alter: 27 yrs

Spaziergang durch das Petrußtal

Kategorie: 38/1991 - Gewässer 38/1991 - Gewässer

Spaziergang durch das Petrußtal Als ich noch meinen Kloben rauchen durfte, hieß eine Straße durch das Petrußtal ?Rue de la Semois". Dieser Name einer bekannten und beliebten Tabaksorte trug dazu bei, daß ich mich in ihrer Patenstraße immer wieder heimisch fühlte. Heute ist diese auf den Namen des deutschen Dichters Hermann Löns umgetauft, und wieder fügt sich der neue Klang harmonisch in die Stimmung, die in dem schönen und eigenartigen Tal zu Hause ist. Wäre Hermann Löns mit mir an dem sonnigen Nachmittag, der die stürmischen Regentage des Wochenan- fangs abgelöst hatte, von seiner Straße aus talabwärts bis Grund und Clausen gewandert, sicher hätte er für sein grünes oder braunes Buch oder für seine Schilde- rungen aus Wald und Heide ein paar rei-zende Fortsetzungen oder gar ein neues Lied gedichtet, das seinen Weg wie weit gefunden hätte. Es ist mir schon immer aufgefallen, wie die Luxemburger Jugend für die Reize des Petrußtales ein instinktives Ver- ständnis verrät. Immer wieder sieht man drunten Buben und Bübchen sich am ?ABREISSKALENDER" VOM 7. NOVEMBER 1940 Rand der Bachrinne herumtreiben oder an den steilen Hängen zwischen dichtem Gesträuch und an bemoosten Felsklum- pen emporklettern. Sicher werden sie über zwanzig, dreißig Jahre nicht ohne Wehmut an diese fröhlichen Stunden zurückdenken, aber den Weg nach den Stätten ihrer Bubenspiele hinunter wer- den sie dann nur noch selten wieder ein- schlagen. Es sei denn, daß ein Zufall sie einmal unter einem Bogen der Adolf- brücke hindurch führt, und daß sie dann für eine Zeitlang der Lockung des maleri- schen Tales wieder verfallen. Die Spaziergänger, denen man drun- ten begegnet, kann man an den fünf Fin- gern einer Hand abzählen, und meist bleibt dabei der Daumen noch übrig. Diesmal traf ich unten nur einen kleinen Freund von sechs bis sieben Jahren, der mich hohnlachend angrinste, als ich ihn fragte, ob er da herunter gekommen sei, um in der Petruß schwimmen zu lernen. Dafür trat er aber mit seinen zwei Alters- genossen wohlgemut die halsbrecheri- sche Kletterpartie an den grün überwu- cherten Felswänden hinauf an. Und dann kam ein junges Frauchen, das ein Kinder- wägelchen vor sich her schob und auf einer Bank am Wegesrand sich in die Nachmittagssonne setzte. Beim Weiterwandern gelangte ich bis an den Staudamm, der an Stelle der frühe- ren Schleusenbrücke gebaut wurde und neben dem man am Fuß des steilen Han- ges die Eisentüre sieht, die den Eingang zur Kasematte bildet. Sie stand auf, und in dem dunklen Gang, durch den man hinauf bis zum Konstitutionsplatz gelangt, brannte eine elektrische Lampe. Der Werkmeister, der daneben stand ?ich erkannte ihn an seiner Sprache als Differ- dinger ? zeigte über den Bach hinüber nach dem Eingang der andern Kasematte, durch die man bis zum Petrußring hinauf- steigen kann, und machte mich auf das kleine, vermauerte Tor aufmerksam, zu dem man zur Festungszeit von der dies- seitigen Kasematte über die Schleusen-brücke und von da die Treppenhöhlung hinauf bis an die Festungswerke jenseits des Tales gelangte. Die Petruß rauschte, und ihre gelben Fluten stürzten ungestüm über den Damm talab. Sie waren tags vorher viel höher gewesen und hatten allerlei Gehölz mit fortgeschwemmt. Es sah aus, als ob die Petruß aus einem ?Kulang" auch wie- der einmal ein richtiger Bach hätte wer- den wollen. Wahrscheinlich hatte sie von dem Erfolg gehört, den die Bäume das ganze Tal entlang mit ihren farbigen Kro-nen gehabt hatten, und wollte auch ein- mal von sich reden machen. Mit dem Farbenreichtum wird es nun wohl zugleich mit dem Hochwasser zu Ende gehen. Aber die schönsten Stun- den, die wir uns bis dahin noch bereiten können, die bietet uns sicher ein Spazier- gang durch das Petrußtal, unter den hohen Bogen der Adolfbrücke und den schlanken Pfeilern der Passerelle und der Eisenbahnbrücke hindurch bis Grund und Clausen. Und wenn du, lieber Leser, auf der Clausener Brücke ein Weilchen auf die Elektrische warten mußt, die dich den Clausener Berg hinauf heimfahren wird, so benütze die kurze Pause und sieh die die Gedenktafel an, die der Luxem- burger Lehrerverband an der Front des Hauses hat anbringen lassen, in dem im August 1870 der Luxemburger Dichter und Lehrer Michel Rodange gestorben ist. Dann hast du ein paar Stunden erlebt, in denen du mit ganzem Herzen in Luxemburg zu Hause warst. Batty Weber Anmerkung der Redaktion: ?Spaziergang durch das Petrußtal" war einer der ?Abrei ßka- lender", die Batty Weber 1940 unter der Nazi- Besatzung für die ?Luxemburger Zeitung" schrieb. Der letzte ?Abreißkalender" vor sei-nem Tod am 15. Dezember erschien am 13. Dezember 1940. Posthum veröffentlichte die ?Luxemburger Zeitung" dann am 17. Dezem-ber ein allerletztes Kalender-Manuskript, das man noch auf seinem Schreibtisch gefunden hatte.


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