30/06/1989 14:49 Alter: 29 yrs

25 Jahre gaspericher Tierasyl

Kategorie: 31/1989 - Gasperich 31/1989 - Gasperich

25 Jahre gaspericher Tierasyl Prinzessin Marie-Astrid während der Einweihungsfeierlichkeiten 1964 Die wenigsten Leute, die sich ein Haustier anschaffen, machen sich genügend Gedanken über die Langfristigkeit einer solchen Entscheidung: Ein Hundeleben dauert im Durchschnitt 12-16 Jahre, Katzen werden noch viel älter. "Er verträgt sich nicht mit den Kindern", sagt die Frau. Der Tierpfle- ger führt den Hund an der Leine in eines der freien Gehege, die Frau unter- schreibt die Übergabe und läßt auch den Impfpaß da. Die ganze Prozedur hat etwa fünf Minuten gedauert. Ruhigen Gewissens kann sie jetzt nach Hause fahren. Das Tier ist ja in guten Händen und wird vielleicht bald einen neuen Besitzer finden. Der Neu- ankömmling steht unterdessen win- selnd in einem fremden, ungewohnten Zwinger und lauscht mit gespitzten Ohren dem vertrauten, sich entfernen- den Wagengeräusch. Alltag im Gaspericher Tierasyl. ?Jetzt ist es noch ruhig", sagt die ehren- amtliche Leiterin, Frau Georgette Hess, die zudem Vize-Präsidentin der natio- nalen Tierschutzliga ist, der die Einrich-tung gehört. ?Aber wenn erst die Ferienzeit so richtig beginnt, sollten Sie mal hier vorbeischauen. Da haben wir Hochkonjunktur. Dann wird der Hund oder die Katze einfach abgegeben, und später schafft man sich halt wieder ein neues Tier an." Arno Zuang, der Präsident der Liga, fügt hinzu: ?So grausam das auch für die Tiere ist, es ist immer noch tau- sendmal besser, als wenn die Leute sie einfach aussetzen und ihrem Schicksal überlassen." Oder wenn sie sie quälen. Wie jenen Schäferhund, der ein Zwingerhalsband mit Haken trug, als er von tierlieben Menschen ins Asyl gebracht wurde. Von den 16 Haken waren 14 so tief ins Fleisch eingewachsen, daß der Hund narkoti- siert werden mußte, um sie aus den eiternden Wunden zu entfernen. Oder jenes sechs Monate alte Hündchen, das von der Polizei aus einem alten Speicher befreit wurde, wo es sein kurzes Leben alleine im Dreck verbracht hatte. Einige Zahlen belegen die Wichtig-keit des seit 1964 funktionierenden Gaspericher Tierasyls, in dem drei hauptamtliche Pfleger und viele freiwil- lige Helfer sich um das Wohl der vierbei- nigen Asylanten kümmern. 1988 wur- den 582 Hunde und 595 Katzen einge- liefert. Daß die Zahl der Katzen im Ver- gleich zu den Vorjahren rückläufig ist, führen die Verantwortlichen des Asyls auf die Sterilisationskampagne der Tier- schutzliga zurück. Die nationale Tierschutzliga ist nicht reich. Sie zählt zwar rund 8.000 Mitglieder, aber der Jahresbeitrag bcträgt nur 150 Franken. Da ist man auf Privatspenden und Subsidien von Staat und Gemeinden angewiesen, um die laufenden Kosten des Asyls (Gehälter, Medikamente, Tierfutter usw.) zu bestreiten. Im Jahre 1988 standen z.B. den Einnahmen von 780.456 Franken, die sich zum größten Teil aus Adop-tions- und Pensionstaxen für Hunde und Katzen zusammensetzten, Ausga- ben von 4.587.212 Franken gegenüber. Vor sechs Jahren, 1983, stand das Tierasyl vor einer regelrechten Kata- strophe. Aus Platzmangel hatte man in den Gebäulichkeiten die alte Quarantä- nestation aufgelöst, und die Tiere star- ben an grausamen Epidemien. Die Stadt Luxemburg und das Landwirtschaftsmi-nisterium schufen hier Abhilfe, indem sie sich die Kosten (immerhin elf Millio- nen Franken) einer dringend benötigten neuen Krankenstation teilten. Tierschutz in Luxemburg hat inzwi-schen eine über 80jährige Tradition. 1908, elf Jahre vor der Einführung des allgemeinen Wahlrechts in unserem Land, in einer Zeit also, als Elend und Ausbeutung überall in Europa noch an der Tagesordnung waren und die arbei-tenden Menschen trotz 12-Stunden-Tag kaum ihre Familien ernähren konnten, 13Arno Zuang, der Präsident der nationalen Tierschutzliga, zusammen mit der Leiterin des Asyls, Frau Georgette Hess nahmen sich einige nachdenkliche Bür-ger der Hauptstadt immerhin der Rechte der Tiere an: Am 20. Mai jenes Jahres wurde im Kölnischen Hof, dem späteren Café Métropole-Bourse, der Luxemburger Tierschutzverein gegrün-det, dessen erster Präsident Hofapothe-ker Aloyse Kuborn (1866-1958) war. 1912 bewilligte die Kammer erst-mals ein Jahressubsid von 500 Franken, 1916 entstanden im Lande die ersten Sek- tionen, und nachdem man bereits 1917 ein Asyl gefordert hatte, brachte der Abgeordnete Dr. René Blum im Dezember 1924 die erste Vorlage eines Tierschutzgesetzes vor's Parlament. 1941 wurde der Tierschutzverein von den Nazi-Okkupanten aufgelöst.Tout animal souffrant, blessé ou en danger doit être secouru dans la mesure du possible. 11001111.116*°..61" tat Tiere brauchen unsere Hilfe. Sie können sich nicht selber helfen. itilli:41414:1111:11 ;ktitl Die Neugründung fand erst 1950 statt, und 1956 kam es immerhin zur Eröffnung eines ersten provisorischen Tierasyls in Hollerich. In Luxemburg will gut Ding Weile haben: 1964, also 56 Jahre nach der Ver- einsgründung, wurde das Gaspericher Tierasyl auf einem von der Stadt zur Ver- fügung gestellten Terrain eröffnet, und am 26. Februar 1965 wurde das erste Luxemburger Tierschutzgesetz rechts- kräftig. Mit wachsendem Wohlstand nahm auch der ?Konsum" an Hunden und Katzen hierzulande ständig zu. Die wenigsten Leute, die sich ein Haustier anschaffen, machen sich genügend Gedanken über die Langfristigkeit einer solchen Entscheidung: Ein Hundeleben dauert im Durchschnitt 12-16 Jahre, Katzen werden noch viel älter. Zudem brauchen Tiere genügend Auslauf, was besonders in unserer Hauptstadt zuneh-mend zum Problem wird. Kein Wunder, daß das Gaspericher Asyl meistens voll- belegt ist, im Durchschnitt mit 60 Hun- den und mit 30-50 Katzen. Die meisten Asylanten finden wohl durch die von der Liga angestrengten Sensibilisie- rungskampagnen in tierlieben Men- schen oft schon nach wenigen Wochen oder Monaten ein neues Zuhause, aber die Mehrzahl der Interessenten möchte verständlicherweise relativ junge und schöne Tiere adoptieren. Obwohl es manchmal vorkommt, daß jemand gerade ?den ältesten Hund, der am läng- sten da ist" verlangt, haben alte Tiere die wenigsten Chancen, einen neuen Besit-zer zu finden. Manche müssen so ihr Leben im Asyl fristen und darauf war- ten, daß hin und wieder ein tierlieber Mensch mit ihnen spazierengeht. Das neue Luxemburger Tierschutz- gesetz, das am 19. März 1983 rechtskräf- tig wurde, sieht in Artikel 1 u.a. vor: La présente loi a pour objectif d'as-surer la protection de la vie et le bien- être des animaux. Il est interdit à qui-conque sans nécessité de tuer ou de faire tuer un animal, de lui causer ou de lui faire causer des douleurs, des souffran-ces, des dommages ou des lésions. Tout animal souffrant, blessé ou en danger doit être secouru dans la mesure du pos-sible. Da in den Lokalnachrichten der Tagespresse sozusagen täglich von Tier- quälereien berichtet wird, müßte das Zuchtpolizeigericht mit derartigen Ver- fahren förmlich überlastet sein, heißt es doch im Gesetz: Les infractions à la présente loi et aux règlements et arrêtés pris en son exé-cution sont punies d'un emprisonne-ment de huit jours a six mois et d'une amende de deux mille à deux cent mille francs ou d'une de ces peines seulement. (Art. 21). Es scheint aber leider immer noch so zu sein, daß falsche Haltung und Tierquälerei als Kavaliersdelikte durch- gehen, daß Tieren kaum mehr als Warencharakter zugestanden wird. Die Tierschutzliga rät deshalb, Hunden und Katzen am Halsband die Steuermarke anzubringen sowie auf der Innenseite die Adresse und Telefonnum- mer des Besitzers zu notieren, damit die Tiere, wenn sie einmal verlorengehen, schnellstens nach Hause zurückge- bracht werden können. Wenn jemand ein herrenloses Tier findet, sollte er in jedem Fall zuerst das Gaspericher Asyl unter der Nummer 48 13 13 anrufen. Tiere brauchen unsere Hilfe. Sie können sich nicht selber helfen. René Clesse 15


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