30/09/1990 17:12 Alter: 28 yrs

Einfach mam Bus!

Kategorie: 35/1990 - Busse 35/1990 - Busse

Einfach mam bus Ein vielbenutztes, weil gut funk- tionierendes Park & Ride-System an allen wichtigen Verkehrsknotenpunk- ten rundum die Hauptstadt, neue Linien, die in schnelleren Takten bedient werden, spezielle Busspuren, die an den Autoschlangen vorbeifüh- ren, neue, bequemere und umwelt- freundlichere Busse und ab 1. Januar 1991 einheitliche Tarife im gesamten öffentlichen Transportnetz unseres Landes: Auch in Luxemburg hat man erkannt, daß kein Weg daran vorbei- führt, den Individualverkehr systema-tisch abzubauen, zugunsten eines neu strukturierten, attraktiveren, umwelt- und kundenfreundlichen öffentlichen Transports.x-beliebiger Wochentag in unse-rer Hauptstadt, während der allmorgendlichen rush-hours zwischen sieben und neun: In sämt- lichen Zufahrtsstraßen zum Zentrum und zum Bahnhofsviertel ist die Verkehrssituation kata- strophal: Stoßstange an Stoßstange stehen sie im oft kilometerlangen Stau, die teuren blechernen Exponate des Wohlstandes unserer Europa- und Bankenstadt, servo-gelenkte Autobahnra- keten, von Null auf Hundert zu beschleunigen in weniger als 10 Sekunden, und Tausende flu- chende Fahrer hinter den Frontscheiben müssen ohnmächtig zusehen, wie sie von Radfahreren und Fußgängern überholt werden, die längst an ihrem Arbeitsplatz sind, wenn die Automobili- sten in der nächsten Schlange vor dem unterirdi-schen Parking warten. Umweltfreundlicher, E schneller, bequemer und billiger infach mam Bus! Das Auto: Umweltproblem Nummer 1 Sie kommen nicht einmal auf die Idee, sich bei der täglichen Fahrt zur Arbeit untereinander abzuwechseln und die einzelnen Autos wenig- stens passagiermäßig auszulasten, wobei jeder Geld und Nerven sparen und der Stau, der Ben- zinverbrauch und somit die Umweltbelastung geringer würde, ganz im Gegenteil: Die Autos, in denen mindestens zwei Leute Platz gefunden haben, sind absolute Mangelware, dominiert wird der tägliche Horrortrip zum Arbeitsplatz vom typischen lonesome rider, der sich, das Aktenköfferchen auf dem Beifahrersitz, durch das von seinesgleichen verursachte Chaos pirscht. Wie stark das eigene Auto, neben allen andern Unannehmlichkeiten wie Staus und Parkplatzsuche, die Umwelt durch Luftverpe- stung belastet, ist kaum einem Fahrer bewußt. Ein Mittelklassewagen ohne Katalysator setzt pro Kilometer durchschnittlich 2,2 Gramm Stickoxide und neun Gramm Kohlenmonoxid frei. Mit diesen Gasen werden pro Kilometer Fahrstrecke 27.000 Kubikmeter saubere Luft verseucht, während ein mit einem Drei-Wege- Katalysator ausgerüstetes Auto immerhin noch 4.000 Kubikmeter verschmutzt. Unter Wissenschaftlern ist inzwischen längst unstrittig, daß der Kohlendioxid-Ausstoß weltweit drastisch verringert werden muß, will die Menschheit einer Klimakatastrophe noch entkommen. Auch der Katalysator hilft da gar nichts, er kann das Treibhausgas nicht herausfil- tern. Nur eine Verringerung des Kraftstoffver- brauchs (Benzin, Kohle, 01, Gas) kann Entla- stung bringen. Nichts führt an der Erkenntnis vorbei: Wer die Natur vor dem Automobil retten will, mug das Massenprivileg einschränken, jederzeit nach Lust und Laune mit dem eigenen Wagen herum- zukutschieren. Die städtischen Busse: Eine vernünftige Alternative mit neuem Image Samstag, 20. und Sonntag, 21. Oktober 1990: Mehr als 6.000 Besucher drängelten sich an diesem Herbst-Wochenende auf dem riesi-gen Gelände des hauptstädtischen Busbetrie- bes in der Hollericher rue de Bouillon. Anläß- lich der Einweihung der hochmodernen Repa- raturhallen hatte der Busdienst die Gelegen- heit genutzt, um zur ?Porte Ouverte" zu laden und die Besucher mit dem neuen Image des Betriebes vertraut zu machen. In Sachen public-relations hatte man sich so manches einfallen lassen: Da gab es Falt-blätter und einen (etwas gewagten) Videoclip über das Park & Ride-System, einen mit nostalgischen Fotos umrahmten Überblick über die Geschichte des hauptstädtischen Fuhrparks ? sämtliche alten und neuen Bus- Typen waren übrigens ausgestellt ?, und wer Inhaber eines normalen Pkw-Führerscheins war, durfte sogar, unter professioneller Anlei- tung, eine Ehrenrunde Bus fahren. Und alle, die mit Park & Ride zur Besichtigung gekom- men waren, hatten gleich zwei Getränke frei.Derartige, im öffentlichen Dienst nicht gerade übliche Publicity hat nichts anderes im Sinn als neue, potentielle Kunden für die Busse zu werben. Dienstchef Georges Feltz: ?Es genügt längst nicht mehr, den Leuten zu sagen, das kostet so und soviel, wenn Sie mit dem Bus fahren wollen. Wir müssen freund- lich auf die Menschen zugehen und versuchen, sie davon zu überzeugen, daß es sich in jeder Hinsicht ? in punkto Preis, Zeitgewinn, Kom- fort ? für sie lohnt, von unserem Angebot Gebrauch zu machen." Solche Einsichten und Überlegungen sind grundvernünftig und mehr als angebracht am Ende eines Jahrhunderts, in dem das Pro-blem Nummer Eins die Umweltbelastung ist und die Menschen tagtäglich mit neuen Schreckensbilanzen und öko-Katastrophen konfrontiert werden. Nicht nur in Luxemburg, sondern in allen mittleren und großen Städten der reichen Industrienationen ist das Automobil längst vom einst persönliche Freiheit verheißenden Lust- zum Frustobjekt verkümmert, ist die Verkehrslage derart chaotisch, daß man sich fragt, wieso die täglichen Staus sich überhaupt noch auflösen können, von den giftigen Abga- sen gar nicht zu reden. Die einzig sinnvolle Alternative zum Automobil ist ? in unserer Felsenstadt, deren geographische und klimatische Bedingungen das Umsteigen auf das umweltfreundliche Fahrrad nur für eine sportliche und wetter- feste Minderheit zumutbar machen ? der öffentliche Transport, im Klartext also in erster Linie der Autobusdienst der Stadt Luxemburg. Bereits Anfang der siebziger Jahre hatte die Stadt den Bremer Architekten Heinz W. Gestering mit der Planung des neuen Busbe- triebes in der Hollericher rue de Bouillon beauftragt, der 1975 fertiggestellt war ? die alten Anlagen in der Limpertsberger Avenue Victor Hugo waren längst nicht mehr zeitge- mäß ?, und 1977 wurde auch der moderne Busbahnhof Aldringen im Herzen der Stadt eingeweiht, eine funktionelle Anlage, die die Autobusse optimal durch das Zentrum schleuste. Doch die sich ständig zuspitzende Ver- kehrslage erforderte seitens der Gemeinde- führung noch mehr konzeptuelles Umden- ken: Schon im Jahre 1983 wurde der Schweizer Verkehrsexperte Professor Heinrich Brändli von der ETH Zürich (dessen Überlegungen wir ab Seite 12 veröffentlichen), mit einer Stu- die zur Restrukturierung der öffentlichen Ver- kehrsmittel in der Stadt Luxemburg beauf- tragt. Die Auffangparkings Park & Ride Die Idee ist so einfach und so leicht in die Praxis umzusetzen, daß man sich fragt, warum sie nicht schon vor Jahren verwirklicht wurde: Man schafft an sämtlichen Hauptzu- fahrtsstraßen zur Stadt größere Auffangpar- kings, wo die Leute ihre Autos kostenlos abstellen können, und ein spezieller Bus-Pen- deldienst bringt sie von hier aus sicher und bequem in die Stadt zum Arbeitsplatz, zum Einkaufsbummel, zum Arzt oder wo sie auch immer hinwollen. Im Juli 1989 wurde dieser intelligente Kompromiß zwischen Individualverkehr und öffentlichem Transport fiir's erste in der Hol- lericher rue de Bouillon, gleich neben dem städtischen Busbetrieb, angeboten. Das kun- denfreundliche Konzept ? 700 Gratis-Park- plätze, Bus-Pendeldienst alle 10 Minuten, auf Wunsch Tageszeitung im Monatsabo enthal- ten ? war schon nach wenigen Monaten ein derartiger Erfolg, daß das Park ec Ride- System weiter ausgedehnt werden konnte. Auf Howald (Luxemburg-Süd), an der Arlo- ner Straße, in Beggen und auf dem Kirchberg funktionieren inzwischen solche Pendeldien- ste, die den Stadtverkehr spürbar entlasten und deren Vorteile für Mensch und Umwelt auf der Hand liegen: Weniger Abgase im Zen- trum, weniger Staus, weniger Parkplätze, weniger Streß.Strassen /\ il Réseau des autobus municipaux Hauptstädtisches Autobusnetz '46.0,70 Helfenterbruck -sts 1111,?_ Bertrange Bel ai 1/1 Merl rte de longwy" # ,c§' E Holleric 4,4ki Kock et scheuer Stichdatum 27. Mai 1990 Li Centre Hospitalier El Offiziell in Kraft trat die erste Stufe des neuen Verkehrskonzepts von Heinrich Brändli in unserer Hauptstadt am 27. Mai 1990: Seit diesem Datum haben sämtliche Linienbusse über eine spezielle Busspur in der Avenue de la Liberté und auf dem Boulevard Royal freie Fahrt vom Bahnhofsviertel ins Stadtzentrum, und die Zeit, die so eingespart wird, erlaubt es, besonders während der Hauptverkehrszeit, auf allen wichtigen Linien schnellere Takte zu fahren. Zusätzliche Bus- spuren in der Hollericher Straße, in der rue de Bouillon, in der Arloner Straße und in der Route de Thionville sorgen ihrerseits für einen reellen Zeitgewinn gegenüber dem Indivi- dualverkehr. Auch Fahrpläne und Linienführung wur- den so umstrukturiert, daß das Netz insge-samt besser ausgelastet ist und die Menschen Muhlreg o Gasperich jp.R1"""" Rollingergrund Muhlenbach GARE fINTRALE 6 St eins et in????? Stadtgrund Put vermuht hd.Patton rue Lumière Bonnevoie 16a rue de if OM Ilk 111 rue Sangler 6a 10 9 schneller und effizienter an ihr Ziel gelangen (siehe Grafik). Und nicht zuletzt die zahlrei- chen, von der Stadt georderten neuen Merce-des-Busse, wovon einige bereits angeliefert sind, tragen durch mehr Komfort und Umweltfreundlichkeit (Rußfilter für Diesel- motoren) viel zum neuen Image des öffentli- chen Transports bei. Alle diese Maßnahmen haben dazu geführt, daß der städtische Busdienst während des vergangenen Halbjahres, also nach dem 27. Mai, einen durchschnittlichen Kundenzu-wachs von 10-15 Prozent zu verzeichnen hatte. Ein weiterer Dienst am Kunden ist auch die Einführung der sogenannten Rollibusse am 1. Dezember 1988. Diese Minibusse sind speziell für gehbehinderte Menschen (Roll- stuhlfahrer) und ihre Begleitpersonen konzi- Heisdorf Neudorf ""' Hamm Watt erdange GARE LP.R Beggen rue du Chit eau ga rue uroken nommeldange Kirchheir rue des Muguets Weimershof 18 9 Sentingerberg Domaine du Kiem FIL. Kalchesbruck piert worden und können telefonisch (4796- 2810 oder 4796-2975) angefordert werden. Es gelten dieselben Tarife wie für die normale Fahrt. Seit dem 26. November 1990 schließlich fährt in einer ersten Probephase der soge- nannte Jokerbus, eine Art ?Bummelbus mit Kundennähe", der vor allem in entlegenen Wohnvierteln Hausfrauen und ältere Men- schen dafür entschädigen soll, daß bei der neuen Linienführung zahlreiche Haltestellen zugunsten eines insgesamt effizienteren Net- zes abgeschafft wurden. Der 20 Sitzplätze bie- tende Jokerbus wird in einer ersten Versuchs- phase die Linie J1 (Verlorenkost-Bonneweg) und J2 (Sept-Arpents-Limpertsberg) bedie- nen, wobei es auch wieder Haltestellen an der AI Avenue und am Viadukt geben wird. Alport 11 Cessange tP.R I GARAGE AM IBM salt NM NM AIM D'AUTOBUS rue de Boudionl0 Der städtische Busdienst in Zahlen Auf einer Netzlänge von 153 km bedie-nen im Augenblick insgesamt 126 Busse (davon 25 Gelenk- und 11 Minibusse) auf 23 Linien alles in allem 465 Haltestellen. 434 Per- sonen sind beim städtischen Busdienst beschäftigt, davon 305 im Fahrdienst, 103 in den Werkstätten und 26 in der Verwaltung. Während der Spitzenstunden sind täglich 98 Busse unterwegs, zu normalen Tageszeiten 72, bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 24,7 Stundenkilometer, deren Zahl dann nach 20 Uhr zusehends schrumpft (um 24 Uhr beispielsweise fahren noch ganze drei Busse). Im Jahre 1989 wurden insgesamt 11.415.211 Personen befördert, dies in einem Einzugsbereich von 100.910 Einwohnern: Die städtischen Busse bedienen zusätzlich die Randgemeinden Strassen, Bartringen, Walfer- dingen, Steinsel und Senningerberg/Findel. 3.136.190 km wurden insgesamt im vergange- nen Jahr zurückgelegt, davon 2.544.555 km im normalen Linienverkehr, der Rest im Dien- ste der Schulen und für Sonderfahrten. Wie in vielen Ländern ist der öffentliche Transport auch hierzulande eine Dienstlei- stung und somit defizitär: Einnahmen von rund 237 Millionen Franken standen im Jahre 1989 Ausgaben von 732 Millionen gegenüber, davon allein über 588 Millionen für Löhne und Gehälter. Dienstchef Georges Feltz mit seiner Mitarbeiterin Frau Sonja Weis.  einUnd tiutbezehlter Beruf " Jtrnge M nchen zwischen u gute Geutidhett und cenKaiegorielYbtsitien?litt ale Fahrer oder " Fahrerin :: StillenAb 1. Januar 1991 landesweit einheitliche Tarife im öffentlichen Transport Nach Neujahr erfährt der gesamte luxemburgische öffentliche Transport (CFL, RGTR, hauptstädtischer Busdienst (AVL) und TICE-Netz) mit der landesweiten Har-monisierung der Tarife eine fast schon revolu- tionäre Erneuerung, die den Benutzern von Bussen und Bahn nur recht sein kann. Hauptvorteil der einheitlichen und ver- einfachten Verbundtarife ist die Tatsache, daß sie auf dem gesamten öffentlichen Netz gültig sind. Ab 1. Januar wird es für normale Fahrten nur noch zwei Grundtarife geben, nämlich die besonders für Langstrecken interessante Öko- Tageskarte für 120 Franken (für sämtliche Zug- und Busfahrten, die während eines Tages vom Träger der Karte zurückgelegt werden) und für Kurzstrecken die Fahrkarte zum Preis von 30 Franken. Daneben gibt es natürlich zahlreiche Abonnements-Formeln und Preisvergünsti-gungen: Für 1.200 Franken kann man z.B. den sogenannten ?Öko-Paß" erwerben, eine For- mel, die es erlaubt, innerhalb eines Monats nach Belieben sämtliche öffentlichen Trans- portmittel in Luxemburg zu benutzen. Dieser Paß ist nicht personengebunden und kann also beispielsweise von allen Familienmitgliedern benutzt werden. Daneben existieren zahlreiche andere Formeln wie der Block mit 5 Karten für das nationale Netz (480 F) oder jener mit 10 Kar- ten für kürzere Strecken (240 F). Für 900 Franken pro Monat gibt es ein Spezial-Abo für die hauptstädtischen Busse, das auf allen Linien gültig ist, während die Monatskarte für eine bestimmte Linie 600 Franken kostet. Das Jumbo-Abonnement (1.000 F pro Jahr für alle Busse und Bahnen) für Jugendli- che unter 20 Jahren (oder älter, wenn die Eltern noch Kindergeld erhalten), gilt auch nach dem 1. Januar, und natürlich gibt es zahl- reiche Preisvergünstigungen für Kinder, ältere Menschen und Behinderte, die Sie zusammen mit sämtlichen neuen Tarifen in einer Über-sicht in den ?gelben Seiten" dieser Ons Stad- Nummer finden. Bei einem derartigen Angebot kann man schon dazu verlockt werden, das eigene Auto öfter mal zu Hause in der Garage zu lassen. Was ja auch der Sinn der Sache ist. René Clesse


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35/1990 - Busse

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