30/09/1990 17:12 Alter: 28 yrs

Batty im Fusball-Fieber

Kategorie: 35/1990 - Busse 35/1990 - Busse

?Was also lag näher, als sich am 14. November auf dem ?Neie Stadion" das zweite EM-Qualifikationsspiel gegen Wales anzusehen und inmitten einer begeisterten Zuschauerkulisse der luxemburgischen Mannschaft Sukkurs zu geben? Das Luxemburger Publikum war in der Tat stark vertreten; 6.300 jubelnde und fahnenschwenkende Fans waren erschienen, derweil sich nur knapp 500 Waliser ins Stadion getraut hatten. Sie hatten von vornherein vor dem feldüberle- genen Luxemburger Fanclub kapituliert und sollten ihm während des ganzen Spiels einen heiligen Respekt zollen. Eine Nation, die die überheblichen Preußen derart in die Schranken gewiesen hat, ist kein Fußballzwerg, sondern ein geachte- ter Gegner, und die Waliser hatten Glück, daß sie sich einigermaßen manierlich benahmen, ansonsten man ihnen eine gehörige Tracht Prügel verabreicht hätte. Daß insbesondere hinsichtlich der Sicher- heitsmaßnahmen alles perfekt organisiert war, merkten die Zimmer-Kummers, die ihren Lada Samara auf dem Auffangpar- king abgestellt hatten, als sie ein Stück Weges zum Stadion zu Fuß zurücklegten und am Straßenrand alle paar Meter die Bewaffnete Macht ihre bedrohlichen Poli-zeiknüppel vorzeigte, um potentielle Row-dies, Randalierer und Rabauken einzu- schüchtern. Schon am Nachmittag waren die öffentlichen Sicherheitskräfte zu Hunderten auf dem gesamten Stadt-gebiet patrouilliert, hatten den Belage- rungszustand verhängt und das Zentrum mit Armeefahrzeugen abgesperrt. Dank 28 Satire BAI I Y IM FUSSBALL-FIEBER Nachdem am 31. Oktober die luxemburgische Nationalmannschaft einen sensationellen 2:3-Sieg gegen die Teutonen davongetragen hatte, war Batty Zimmer-Kummer aus Luxemburg-Neudorf zum fer- venten Fußballanhänger geworden. So wie viele Luxemburger, die zuvor eher Bayern Munchen huldigten und die großherzogliche Elf abfällig als blutige Amateure ansahen, so wandelten sich auch Batty seine Frau Marguerite, Großmutter Amelie Kummer-Keller die Kinder Steve und Iris sowie das Meerschweinchen Emil Ober Nacht zu Sup- portem des luxemburgischen Teams. Auf Jhemp Girres und Roby Lan- gers, die den Weltmeister Deutschland erzittern ließen, waren sie ebenso stolz, wie auf unsere tapferen Beamten von Polizei und Gen-darmerie und auf die Rekruten vom Herrenberg, die mit taktischem Geschick und Fingerspitzengefühl die rabiaten Hooligans von jenseits der Mosel mit Knüppeln in Schach hielten, die nicht von Pappe waren. Gut gebrüllt, Roter Löwe. So etwas stärkt das Nationalbewußtsein, und man ist stolz, kein Deutscher zu sein. dieser Maßnahmen war es bereits in den Nachmittagsstunden gelungen, nicht weniger als zwei völlig betrunkene Waliser dingfest zu machen, die nur noch lallten und nicht mehr fähig waren, die Beamten manierlich auf Luxemburgisch anzure- den. Die beiden Ruhestörer wurden in Handschellen abgeführt und in getrenn-tem Verfahren entsorgt und in zwei, weit voneinander entfernt stehende Müllbehäl- ter geworfen. Die Stadt war wieder sau-ber. Auch der Zoll hatte vortreffliche Arbeit geleistet und drei aktenkundige Hooli-gans unschädlich gemacht und über die Grenze gesetzt. Es klappte alles wie am Schnürchen, und wenn man davon absieht, daß zwei vor den Sicherheitsgat- tern postierte Drogenhunde fast an einer Überdosis Mettwurst eingegangen wären, die ihnen so ein Lümmel von der Tribüne zum Fraß vorgeworfen hatte, dann darf mit Fug und Recht von einer tadellosen Arbeit unserer Streit- und Ord- nungskräfte gesprochen werden. Eine Untersuchung des peinlichen Vorfalls drängt sich auf, denn es stellt sich die Frage, wie die Mettwurst trotz der intensi-ven Durchsuchung der Zuschauer an den Eingangspforten ins Innere gelangen konnte. Nach der Erstürmung der Imbiß-bude durch die deutschen Hooligans beim vorangegangenen Qualifikations- spiel war nämlich ein Verbot über alle Wurstwaren (selbst über die alkoholarme Bierwurst) verhängt worden, und es wur- den während der Pause nicht einmal Thü-ringer angeboten. Diese Maßnahme war um so berechtigter, als es sich bei Thürin- gern mit Senf um scharfe Gegenstände handelt, mit denen die Waliser Hooligans die friedliebenden Luxemburger in einem Handgemenge hätten verletzen können. Großmutter Amelie Kummer-Keller hatte also unrecht, als sie den Beamten vor dem Stadion ohrfeigte, der bei der obligatorischen Leibesvisitation fündig wurde und verlangte, daß sie ihren Büstenhalter an der Kasse abgebe, weil darin eingenähte Eisenstangen als gefährliche Waffen zu betrachten seien. Der Zwischenfall konnte dank einer Kom- promißlösung bereinigt werden, da sich Trainer Paul Philipp großzügigerweise bereiterklärte, Großmutter Amelie Kum-mer-Keller einen Platz neben sich auf der Tribüne anzubieten, wohinselbst er von der UEFA verbannt worden war, weil er sich beim Spiel gegen die Teutonen allzu- große Begeisterungsausbrüche erlaubt hatte. Solchermaßen hinter Gittern sit- zend konnte Großmutter Amelie jeden- falls keinem Waliser Fan mit ihrem Korsett aus ARBED-Stahlträgern zu nahe kom- men. Insofern war die Voraussetzung für ein gewaltfreies Match geschaffen. Die Stimmung zu Spielbeginn war eine fröhli- che, ausgelassene und heitere. Selten hatte man soviele einheimische Anhänger bei einer Begegnung des großherzogli- chen Teams gesehen, und weder der leichte Nieselregen noch die unfreiwillig komischen Werbespots aus dem Laut-sprecher konnten der ausgezeichneten Laune der Zuschauer etwas anhaben. Die 500 Waliser Fans hatte man in Schutz- haft genommen und vorschriftsmäßig auf eine ihnen zugewiesene Tribüne verwie- sen, wo sie unter dem Auge des Geset-zes ihre Mannschaft mit Zurufen ermun- tern durften. Sie taten dies übrigens auf erstaunlich sittsame und manierliche Weise. Auf ihren Plätzen angelangt, mußten Batty, seine Frau Marguerite, die Kinder Steve und Iris sowie das Meerschwein-chen Emil feststellen, daß Luxemburger Fans ihre gute Kinderstube vergessen hatten und im nationalen Taumel beim Abspielen der Waliser Hymne Buhrufe und Pfiffe von sich gaben. Sie benahmen sich, wie Luxemburger sich für gewöhn- lich nur im Ausland benehmen ? wenn sie halbstark im Kollektiv auftreten. Noch bevor die Hollericher ?Tramsmusék" dann die ?Heemecht" fertiggeblasen hatte, setzte es schon Jubel für unsere Natio- nalmannschaft. Der rote Löwe brüllte zum ersten Mal. Dann wurde angepfiffen, und als in der 11. Minute die Waliser nur noch zu zehn waren, weil sich Blackmore die rote Karte einhandelte, da ward die Begeiste- rung noch größer. Der rote Löwe brüllte zum zweiten Mal. Von nun an spielte die geschrumpfte Waliser Mannschaft nur mehr auf Zeit und alles andere als fair. In der 16. Minute spit- zelte Rush auf blamable Weise den Ball ins Tor, indem er eiskalt eine Schwäche der Luxemburger ausnützte. Verrat! Der rote Löwe krähte zum dritten Mal.Die Mannschaft aus Wales spielte mit der ganzen Cleverneß ausgekochter briti-scher Profis, wie ein Presseberichterstat- ter später treffend anmerken sollte. Klug- heit ist eben etwas Hinterhältiges und müßte verboten werden. Gottlob konnte der Mißgriff der Waliser die meisten Luxemburger Fußballanhänger nicht aus der Ruhe bringen. So auch Batty und die Seinen, die unser Team mit ehrlicher Begeisterung unterstützten, was dieses durchaus verdiente, da es zumal in der 2. Halbzeit dominierte und ausgezeichneten Fußball spielte. Großmutter Amelie war sich mit dem Trainer einig, daß sich die Waliser nicht mit Ruhm bekleckert hatten, allerdings fand sie es unziemlich, wie die Luxemburger Fans einen der Besten aus dem Waliser Team, den farbigen Spieler Young dauernd als ?Bimbo" oder mit anderen Kraftausdrücken beschimpften. In solchen Augenblicken war auch das Meerschweinchen Emil alles andere als stolz, Luxemburger zu sein. Es kam, wie es nicht hätte kommen müssen. Die Lei- stung der Luxemburger wurde nicht belohnt. Die Waliser siegten mit 1:0, waren aber angesichts der guten Lei- stung der Luxemburger die eigentlichen Verlierer. Darüber war sich die Nation an diesem Abend einig, auch wenn über eine solche Haltung Leute, die nichts von Fuß- ball verstehen, den Kopf schütteln mögen. Es gab eine Ovation für die Luxemburger Mannschaft, und die Spie-ler tauschten zur Verärgerung des FLF- Vizepräsidenten die Trikots aus oder war- fen sie den Supportern über den Zaun zu. Für den Sponsor ein teurer Spaß. Denn er muß jetzt neue Trikots nähen. Die winzige Luxemburger Mannschaft war von ?Petit- Bram" eingekleidet worden. Nach dieser Begegnung wird ?Petit-Bram" das Hand- tuch werfen müssen. Jetzt ist ?Bram" für Erwachsene an der Reihe, denn unsere Nationalelf ist einmal mehr über sich hin-ausgewachsen. Als die Zimmer-Kummers in ihrem Lada Samara heimfuhren und Batty das mit Diesel betriebene Radiogerät andrehte, fühlten sie sich behaglich und in Sicherheit. RTL 92,5 hatte die ganze Zeit über sie gewacht, und der Verkehrsdienst der Polizei geleitete sie auch jetzt sicher nach Hause. Polizeisprecher Armand Jaminet bedankte sich bei den Fußballan- hängern für ihr diszipliniertes Gebaren und ließ sie wissen, daß keine Straße ver- stopft und nicht ein einziger Hooligan unterwegs sei. (Die Sendung ist übrigens nicht mit Pir Kremers samstäglichem ?De Jaminet" zu verwechseln, der bekanntlich von Vinsmoselle gesponsort wird). Im Rundfunk wurde dann fünf Minu- ten lang alles aufgezählt, was hätte an Gewalttaten passieren können, aber nicht passiert war. Keine einzige Schau-fensterscheibe wurde eingeschlagen, kein Pflasterstein ausgerissen und kein Auto umgeworfen. Die Leute möchten denselben Weg nachhause einschlagen, den sie für die Hinfahrt benutzt hätten, lautete der Rat im Rundfunk. Von selbst wären die Zimmer-Kummers niemals dar-auf gekommen. Sie gehorchten und begaben sich zur Nachtruhe. Die Nachtruhe wurde nicht gestört. Die Waliser Fans, die man so sorgsam iso- liert hatte, und die nach Spielende abge-schottet aus dem Stadion geleitet wur- den, fuhren anderntags zurück nach Großbritannien. Einige benutzten ihren Aufenthalt und blieben noch ein paar Tage, machten Stadtrundfahrten, kauften Zigaretten und Alkohol, gingen ins Kino, in die Diskothek oder aßen in hauptstädti- schen Restaurants. Unfaßbar. Es waren keine Hooligans, sondern freundliche ruhige Zeitgenossen. Wirklich gute Verlie- rer. Jacques Drescher 29


Dateien:
PDF(773 Kb)

35/1990 - Busse

p.  1