07/06/1999 18:30 Alter: 20 yrs

Fin de siècle

Kategorie: 61/1999 - Fünfziger Jahre 61/1999 - Fünfziger Jahre

EDITORIAL Fin de siècle ?Auf dem Plateau Bourbon stehen nur einige Häuser. Wo sich heute die Sparkasse und die Arbed erheben, gibt's nur Schutt, Sträucher und Wiesen. Durstig von der Wanderung steige ich halbwegs ins Tal hinab, um im hübschen Gartenrestaurant der Sebastians-Schützen-Gesellschaft auf dem Pastetchen ein Glas Bier zu trinken, nachdem ich den sauren Luxemburger Wein stehen lassen mußte. ? Ermüdet von der Reise gehe ich früh zu Bett. Im Hotel finde ich sogar elek- trisches Glühlicht, sowie Telefon, Wasser im Zimmer und auf dem Klosett." Diese feuilletonistischen Zeilen von Jemmy Koltz finden sich in der Nummer 1/1948 der Cahiers Luxembourgeois, die gänzlich dem Fin de siècle, dem Zeitgeist um die Jahrhundert- wende gewidmet war, als die vielgepriesene Belle Epoque so langsam zu Ende ging und der Erste Weltkrieg bereits seinen Schatten warf. Andere Autoren, die in jenem Band der Cahiers vertreten sind, zeichnen das Lebensgefühl um die Jahrhundertwende weniger behäbig und etwas kritischer als Jemmy Koltz. So etwa ein Mitarbeiter, der unter dem Pseudonym Canescanthrope die gemütliche Dekadenz der damaligen Zeit wie folgt schilderte: ?Ce fut une époque prospère, béate, quelque peu hypocrite, rage d'or des rentiers. Dans les petites villes comme la nôtre régnait l'esprit étroit, petit bourgeois et même dans les salons de la haute bourgeoisie. Epoque bénie des philistins, des bourgeois à oeillères, moralisateurs et médisants, ne voulant à. aucun prix reconnaître les plus modestes revendications sociales des autres classes." Ein weiterer Schreiber, der sich schlicht ?t" nennt, hat mit einer gehörigen Portion Sarkasmus in alten Zeitungen geschmökert: ?Hat es um die Jahrhundertwende bei uns an Wurst gefehlt? ? Die Blätter meldeten aus Chicago: John B. Nil les, früher Teilhaber der Firma Nil les und Rausch aus der North-High-Street, hat mit dem großen Versandhaus Nelson, Morris and Co. einen Kontrakt für die Lieferung von 160.000 Pfund Wurst für das Luxemburger Land abgeschlossen. Die Sendung befindet sich bereits auf dem Weg nach der alten Heimat. Natal-Mercury meldet aus Ladysmith, eine Flasche Whisky koste 5 Pfund. «Die Lage ist ernst, aber noch nicht kritisch», besagt am gleichen Tag eine Depesche der Liverpool Post in verabredeter Schrift. (...) Den Geist der damaligen Zeit kann man sich mit einiger Phantasie zusammenreimen. Den reichen Leuten erging es ziemlich gut, den armen ein wenig besser als ganz schlecht; bei uns verdiente damals ein Tagelöhner eine Mark, er konnte davon 6 Humpen Bier trinken und behielt noch einen Sou übrig. (...)" Weil in wenigen Monaten nicht nur eine Jahrhundert-, sondern gar eine Jahrtausendwende gefeiert werden soll, kann ein kleiner Blick zurück bestimmt nicht schaden. Deshalb hat die städtische Photothek ihre schönsten und interessantesten Bilder zum Thema Luxembourg au tournant du siècle zusam- mengestellt. Die Ausstellung ist im Cercle-Gebäude zu besich-tigen und dauert vom 17. Juli bis zum 22. August. Sie ist täglich außer montags von 11.00 -18.00 Uhr durchgehend geöffnet. Für einen kleinen Unkostenbeitrag von 50 Franken erhält der Besucher zudem einen reich illustrierten Katalog. Somit kann sich in diesem Sommer jeder an der Geschichte unserer Stadt und unseres Landes Interessierte gleich über zwei wichtige Epochen informieren: im städtischen Geschichts- museum über die fünfziger Jahre, denen auch diese Ons Stad- Nummer gewidmet ist, und im Cercle über die Jahrhundert- wende. rd.


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61/1999 - Fünfziger Jahre

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