07/06/1999 18:30 Alter: 20 yrs

Die schrecklich heile Welt der fünfziger Jahre

Kategorie: 61/1999 - Fünfziger Jahre 61/1999 - Fünfziger Jahre

?Sputnik, Atomium und IFreddy Quinn Es sind nicht unbedingt Bilder, die dem Autor, Jahrgang 1954, in der Erinnerung aufsteigen, wenn er versucht, jene fernen Zeiten wiederaufleben zu lassen, als es noch fast kein Fernsehen gab und man noch vielerorts auf der Straße Fußball spielen konnte. Stimmen sind es, die ihm in den Sinn kommen, Radiostimmen vor allem. Die Stimme von Nic Weber zum Beispiel, die tagtäglich um dieselbe Stunde zu vernehmen ist: Bei ons doheem ? eng Lëtzebuerger Revue iwwer haut a gëscht. Oder die Stimme von Kell- nesch Pir, die die Fußballresultate am Sonntag durchgibt. Die mußte der Großvater unbedingt hören, und das Kind und die Großmutter durften sich dann nur noch im Flüsterton unterhalten. Das Radio hieß Nordmende, und es stand in der Küche auf einem großen weißen Eisschrank mit schönen Rundformen, der seinerseits Eisfink hieß. Und dann war da noch die herrisch schnar-rende Stimme von Pol Leuck, die meist von zwei Männern erzählte, die Adenhauer und Eisen- hauer hießen und gegen den Kruttchef kämpften. Das Kind hatte einmal gefragt, ob die beiden miteinander verwandt wären, und daraufhin war am Mittagstisch allgemeine Heiterkeit ausgebrochen. Montag, 7. Oktober 1857 Die schrecklich heile Welt der fünfziger Jahre Schuman-Plan 1952: Europas Pioniere 118., ,!abr Nutnattng ang too Die Entdeckung des Weltraums Theo Mey Einmal hatte der Vater das Kind mit ins Kino genommen, weil da ein Tarzan-Film mit Johnny Weissmüller gezeigt wurde. Der Vater war dann ziemlich enttäuscht gewesen, als das Kind sich von den Affen und Löwen in Schwarzweiß viel weniger hatte beeindrucken lassen als von der Rakete, die im Vorprogramm, das Belgavox ? Le Monde vu par les Belges hieß, zu sehen gewesen war, wie sie mit Feuer und Qualm von Cap Cana-veral aus schnurgerade und majestätisch in den Himmel aufgestiegen war. Und ein andermal war die halbe Stadt nach-mittags mit Ferngläsern hinaus auf die Straße gelaufen, um den russischen Sputnik dabei zu beobachten, wie er die Erde umkreiste. Das hatte sich, wie der Erwachsene heute weiß, weil er es eben in seinem Lexikon nachgeschlagen hat, am 4. Oktober 1957 zugetragen, und der Sputnik war nichts anderes gewesen als der allererste ?unbemannte Raumflugkörper", ein militäri- scher Satellit, der von seiner Umlaufbahn aus Bilder aus dem kapitalistischen Lager nach Moskau schicken sollte. Denn man befand sich damals mitten im sogenannten Kalten Krieg, und die USA setzten alles daran, um den Stunde technologi- Geglückter Start des ersten Kommunionsfeier im Bahnhofsviertel schen Vorsprung der Russen so schnell wie möglich aufzuholen. Was ihnen auch gelang, denn bekanntlich war es ein Amerikaner, der zwölf Jahre später, 1969, als erster Mensch auf dem Mond spazierenging. Eine andere Erinnerung: Der Vater und der Onkel fahren zur Weltausstellung nach Brüssel (1958). Als sie zurückkommen, erzählen sie stolz, daß sie ?am Atomium" waren. Sie zeigen Fotos, aber das Kind kann mit all diesen seltsamen, durch Stangen miteinander verbundenen Kugeln nichts anfangen. Auch die Mutter befindet: ?Den Eiffeltuurm zu Paräis as awer viii méi schéin." Mehr als zehn Jahre später, im Chemie-unterricht, kommt es dann zu einer Art retar-diertem Aha-Erlebnis. In jenen Jahren ist der Zweite Weltkrieg bei den Erwachsenen noch omnipräsent. Das Kind hört ? vum Hitler a vun deene knaschtege Preisen, déi nach émmer do wiren, wann d'Ame-rikaner nét komm wiren". Die tagtägliche Wirklichkeit steht allerdings in krassem Widerspruch zu diesem Deut- schenhaß. Die Zeitung zum Beispiel, das Luxem- burger Wort, das die Eltern abonniert haben, ist genau wie das tageblatt in deutscher Sprache verfaßt. Und auch in der Primärschule war das Deutsche die langue véhiculaire, wie man heute sagen würde. Wir nannten den Schulmeister Herr Lährer, und fast sämtliche Schulbücher, die Heimatkunde, das Rechenbuch, die Naturkunde und auch das Geschichtsbuch waren auf deutsch. Und natürlich auch die Kinderbibel, die Zehn Gebote, das Gegrützezeistdumaria und das Vater Unser. Was Wunder, daß der Pfarrer sogar die Beichte in deutscher Sprache abhielt, in Gedanken, Worten und Werken. Den Harmonikasjang, damals eine stadt- und landbekannte Figur w' r 1,7"P?i itifyak-frN i. f $. ? tit " '1100h Tony KrierDie Fröhliche Welle Beim Friseur und beim Zahnarzt lagen zer- fleddert Der Stern, die Quick oder Das Neue Blatt. Und Ende der fünfziger, Anfang der sech-ziger Jahre wurde der Name Luxemburg sogar europaweit fast nur noch mit einem deutschen Radioprogramm in Verbindung gebracht. Dies verdanken wir dem einheimischen Rundfunkpio-nier Camillo Felgen, der von der Villa Louvigny aus die Fröhliche Welle von Radio Luxemburg in alle Welt, vor allem aber hinüber in die Bundes-republik plätschern ließ, wo der Piratensender aus dem Stadtpark von der Jugend geradezu kultisch verehrt wurde, sehr zum Arger der gestrengen öffentlich-rechtlichen deutschen Sender, die diese deloyale Konkurrenz als Zumu-tung empfanden, aber nichts dagegen unter-nehmen konnten. Der Luxemburger Publizist Marcel Engel hat diese sogenannte Luxemburg-Taste vor nunmehr fast vierzig Jahren im Lëtzebuerger Land wie folgt beschrieben.,, Was früher die Sonntagsvesper war, das ist heute die singende, schwingende Nachmittagsandacht der «Fröhli- chen Welle». Camillo ist der Oberpriester der säkularisierten Innerlichkeit. Statt Psalmen und Litaneien, Schlager und Schnulzen. Wenn die ängstliche, einsame Kreatur sich früher von den ewigkeitsrauschenden Wellen der Orgelmusik aus dem geplagten Erdendasein erlösen und auf Weihrauchwolken emportragen ließ, so schließt sie sich heute in ihre vier Wände ein und schlürft mit heißer Gier das Narkotikum der Hitparade." Aber auch Marcel Engel kommt nicht umhin, in seinen kritischen Essay über ?die Quassel- strippe" auch eher versöhnliche Töne einfließen Pol Leuck 10 Freddy Quinn zu lassen. So zitiert er einen Gesprächspartner: ?Dürfen wir Luxemburger nun stolz auf unseren Sender sein? Darüber weichen die Meinungen auseinander. Der Begriff «Radio Luxemburg» dient der touristischen Propaganda. Viele Ausländer sind auf den Namen unseres Großher- zogtums erst durch Radio Luxemburg aufmerksam geworden. Ich gehe soweit zu behaupten, daß jährlich Hunderte von Touristen sich von dem Schlager «Schön ist das Leben in Luxemburg» dazu verlocken lassen, unser Ländchen zu besuchen." Welche Filme ? natürlich deutsche! ? die Luxemburger in den fünfziger Jahren am liebsten sahen, das hat Paul Lesch bereits an anderer Stelle in dieser Ons Stad-Nummer mit mildem Spott dokumentiert. Von Heimat und Sehnsucht Was nun die Musik aus dieser schönen Zeit anbelangt, so würde der Autor sich glücklich schätzen, wenn er erzählen könnte, in seiner behüteten Kindheit seien damals vor allem gehaltvolle Chansons zu hören gewesen, von Charles Trenet etwa, von Edith Piaf oder von Georges Brassens. Aber er kann leider nicht einmal mit Elvis Presley, mit Bill Haley, Jerry Lee Lewis oder Chuck Berry aufwarten, denn die hat er erst sehr viel später zu hören bekommen. Denn wie man's auch wendet und dreht, die Erinnerung läßt sich nicht betrügen, und da sind sie schon, die Schlager von damals, die zum Teil sogar heute wieder ein nostalgisches Revival erfahren: Zwei kleine Italiener, die natürlich von Napoli ? wovon sonst! ? träumten, die Capri- Fischer, die in weitem Bogen die Netze auswerfen, während die rote Sonne im Meer versinkt. Oder das Mädchen von Piräus, das den Hafen, die Schiffe und das Meer liebt und all- abendlich am Kai wartet, bis das heißersehnte Schiff endlich kommen wird, um ihm den einen, den ich so lieb wie keinen zu bringen. Und natür- lich der unvermeidliche Freddy Quinn mit seinem ewigen Heimweh, seiner Sehnsucht und seinem weißen Schiff, das nach Hongkong fuhr. eCtMeeell at det Oderfrziater der aikeecnidettea 1,uteizeidieeet State Patiotea cud Zeteutdew, Scitever cowl SclotalyeAt, "Ein bißchen Gehässigkeit muß erlaubt sein, wenn man das Phänomen des deutschen Nach- kriegsschlagers untersucht, der schließlich inner- halb kürzester Zeit als neue, aber immerhin fried- liche Besatzungsmacht Luxemburg ein zweites Mal vereinnahmt hat. So könnte man zum Beispiel anführen, Heimweh, Freddy Quinns Riesenerfolg von 1956, das sei nichts anderes gewesen als die Klage einer ganzen Generation von Deutschen, der über lange Jahre ein gewisser Herr Hitler versprochen hatte, in Bälde die ganze Welt zu besitzen. Und nun saß man zusammengedrängt in zerbombten Städten, mit sehr fremden demokratischen Gepflogenheiten, die einem von den alliierten Siegermächten verordnet worden waren. Wie gut tat es dann, schmachtende Verse wie diese zu hören: Viele Jahre schwerer Fron, harte Arbeit, karger Lohn. Tagaus, tagein kein Gluck, kein Heim - alles liegt so weit, so weit... Die Mode der 50er Jahre Frauengold Im Rahmen der Ausstellung des städtischen Geschichtsmuseums über die Fifties zeigte die Cinémathèque am vergangenen 15. Juni während gut, anderthalb Stunden deutsche Werbefilme aus jener Zeit, die vor allem im Vorprogramm der Kinos liefen und die neuen Wonnen des Wirtschaftswunders priesen. Am allerbesten hat uns die Reklame für Frauengold gefallen, ein alkoholisches Tonicum und Wundermittel von damals, die wie folgt inszeniert war und die Rolle der Frau in den Fünfzigern trefflich dokumentierte. Szene: Ein Mann kommt am Abend müde und genervt aus dem Büro nach Hause und lädt seinen ganzen Frust an seiner Frau ab. Diese mag sich das nicht bieten lassen, und im Handum-drehen ist der schönste Ehekrach ausgebrochen. ?Halt", ruft da eine Stimme aus dem Off. Versöhnliche Musik ertönt, und die Stimme spricht: ?Hätte die Dame regelmäßig «Frauen- gold» genommen, dann wäre diese häßliche Geschichte ganz anders ausgegangen!" Die Szene wiederholt sich, der genervte Ehemann kommt ein weiteres Mal nach Hause und fängt an zu streiten. Aber seine zärtliche, wunderhübsch zurechtgemachte Angetraute nimmt ihm alsogleich allen Wind aus den Segeln, indem sie ihn mit verführerischem Blick sanft, aber unmißverständlich ins eheliche Schlaf- zimmer zieht. Und dann kommt der Slogan, der Werbe-geschichte gemacht hat: ?Frauengold schafft Wohlbehagen Wohlgemerkt: an allen Tagen!" Hierzulande gab es übrigens einen ähnli- chen Spot, der aber nur im Radio zu hören war und von niemand geringerem als von dem unvergessenen Leo Moulin gesprochen wurde: ?Buff as gutt fir de Mo an hëlleft och de Fraen an dene kriteschen Deg..." Rene Clesse That) Mey, Tony Krier o Photothèque de la lnile de Luxembourg


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