07/06/1999 18:30 Alter: 20 yrs

"Aufbruch in eine neue Zeit?"

Kategorie: 61/1999 - Fünfziger Jahre 61/1999 - Fünfziger Jahre

Aufbruch in eine neue Zeit? 1953 baut der Architekt Hubert Schu-macher das erste öffentliche Gebäude mit einer Rasterfassade in der Stadt Luxemburg, das ehemalige Regierungs- und CECA-Gebäude in der Rue Notre-Dame. Der Bau hat nach außen hin eine Kastenform, nach innen öffnet er sich auf einen Hof und ersetzt eine ganze Häuserinsel mit Blockrandbebauung. Das Design der Beleuchtungskörper und der Eingangstür, das Material der Fassade (Travertino) sind typische Elemente der 50er-Jahre-Architektur. Der Bau wird jedoch gleich von einer jüngeren Architektenschaft heftig kritisiert: ?Anstatt ein elegantes, poesievolles, die Stadt beherrschendes Hochhaus zu errichten, verbaute man ein ganz wichtiges Viertel, ohne auf die zeit- lichen Notwendigkeiten (wie Verkehr, Raum, Luft und Licht) zu achten, mit einem phantasti-schen Baublock. [...] Wie aufgelockert sähe dieser leider nun verbaute Platz aus!' 14 Das neue Verwaltungsgebäude der CFL Als Vorreiter einer konsequent modernen Architektur in Luxemburg ist dann das neue Verwaltungsgebäude der Eisenbahn (CFL) anzu-sehen, als Ergebnis eines internationalen Archi-tekturwettbewerbs im Jahre 1954. Den ersten Preis des vom Ministère des Travaux Publics ausgeschriebenen Wettbewerbs erhielt das Architektenteam Camille Frieden aus Luxem-burg, Cos Gillardin aus Petingen und Gerold Dietrich aus Trier, nach deren Plänen der Bau auch ausgeführt wurde. Die charakteristischen Merkmale der avant- gardistischen 50er-Jahre-Architektur in Luxem-burg sind an diesem Bau vorgeführt: Betonske- lett mit Rasterfassade aus Glas und Stahl, verglaster Treppenhausanbau, Farbgebung der Fassade, Flachdach, abgesetztes Attikageschoß, Glastüren, schräg ansteigendes Vordach über dem Erdgeschoß. Unverkennbar haben wir es hier mit einer Anknüpfung an die klassische Moderne und den Funktionalismus der 20er Jahre zu tun! Das erste (und bis heute einzige) ?echte" Hochhaus (mit 22 Stockwerken) wird jedoch erst 1966 auf Kirchberg, dem künftigen Europa- viertel, eingeweiht.'" reir , Das ?Aquarium", 1963 on Mit dem modernen CFL-Neubau an einer städtebaulich exponierten Stelle wurde ein wich-tiges Zeichen für die bauliche Entwicklung der Stadt Luxemburg in den folgenden Jahren gesetzt. Ein weiterer Markstein der 50er-Jahre-Architektur wurde die 1958 errichtete Bâloise, ein Neubau der schweizerischen Versicherungs- gesellschaft ?La Bâloise" am Rand der Oberstadt des Luxemburger Architekten Pierre Gilbert. Im Zuge der Stadtbildpflege in den späten 70er und den 80er Jahren wird dieser Bau zum umstrit-tenen ?Schandfleck", der schließlich 1995 besei-tigt wird. In den späten 50er Jahren und um 1960 entstehen nun eine Reihe von Neubauten, die die charakteristischen Elemente der modernen Bauweise, wie sie am Verwaltungsgebäude der CFL beschrieben wurden, aufweisen, z.B. das Staatslaboratorium, das Gebäude der Hand- werker-Pensionskasse, das Athenäum, die neue Ausstellungshalle für die Internationale Messe auf Limpertsberg, die die Rolle der Hauptstadt Luxemburgs in Europa unterstreicht. Bei dem 1959 eingeweihten Gerichtsgebäude der europäischen Gemeinschaften im Eicherberg löst sich die Fassade dann in eine einzige Fenster- fläche auf, ähnlich wie bei dem etwas späteren Monopol (1962 eingeweiht) und der Maison Moderne in der Grand-Rue.Die Architektur der 50er Jahre in Luxemburg Das neue Stadttheater Die öffentliche Hand hat die moderne Bauweise Ende der 50er Jahre weitgehend adop-tiert und sich damit letztendlich für ein neues Image entschieden. Wohlweislich wurde erkannt, daß die Architektur das Prestige einer Stadt erhöhen kann und daß bestimmte kultu- relle Institutionen in einer Hauptstadt unab- kömmlich sind, wie z.B. ein Stadttheater. Das jahrzehntelang zur Diskussion stehende Projekt eines Theaterneubaus wird 1959 Gegenstand eines Architekturwettbewerbs, aus dem der Pariser Architekt Alain Bourbonnais als Sieger hervorgeht. Die Eröffnungsfeier findet am 15. April 1964 statt. Das Theatergebäude ist ein hervorragender Bau, dessen Architektur auch heute noch Ober- zeugt. Einzigartig ist die Fassade des Gebäudes, die einen Bezug zur Luxemburger Geologie herstellt. Sie besteht aus einer Natursteinverklei- dung mit Kiesel und Schiefer und wabenför- migen Öffnungen aus Beton, die im Volksmund sofort zu ?Schießscharten" degradiert werden. Das ?Aquarium" Noch weniger auf Konsens stieß ein anderer, ebenfalls von einem bedeutenden fran- zösischen Architekten entworfener Bau. Es handelt sich um eine Erweiterung des ehema- ligen Kasino-Gebäudes am Boulevard Roosevelt, einer sehr exponierten Stelle der Luxemburger CEL- Verwaltung w ?Notii444i !if opi IHii Nis ? ni arIZMIR= Altstadt. Der nach Plänen von Jean Prouvé im Jahre 1960 errichtete Anbau aus Glas und Stahl ? im Volksmund auch ?Aquarium" genannt ? wäre fast ebenfalls ein Opfer der Stadtbildpflege geworden. Die neue Funktion des Kasinos als Ausstellungsräume für zeitgenössische Kunst hat jedoch endgültig dazu beigetragen, die Qualitäten dieses Raums zu bestätigen. Der neue Lebensstil und die Architektur Die 50er Jahre werden gern als eine Art ?goldenes Zeitalter" gesehen. Tatsache ist, daß der Umfang der Konsumgüter und des modernen Komforts zunimmt, allerdings in sehr unterschiedlichem Maße. Neubauten werden in der Regel mit Bad und Zentralheizung ausge-stattet, der Verbrauch an flüssigen Brennstoffen wie Dieselöl oder Gas nimmt zu. Die verstärkte Nachfrage nach Konsumgü- tern und das wachsende Warenangebot bedingen in den späten 50er Jahren die Neugründung von Betrieben und den Bau von neuen Geschäftshäusern. Im Bereich der Bekleidung zeichnet sich z.B. in den 50er Jahren der Trend zum Kauf von der Stange ab, was zunehmend kostengünstiger wird und dem schnellen Wandel der Mode Rech-nung trägt. 1957 wird im Bahnhofsviertel das erste Kaufhaus Luxemburgs, das noch heute existierende ?Monopol Scholer" eröffnet, 1962 folgt eine Zweitniederlassung in der Groussgaass in der Oberstadt. ?De Monopol" Das ?Garer Monopol" ist eine fünfstöckige Betonkonstruktion mit auskragender verglaster Front und überstehendem Flachdach. Der Bau war das Ergebnis eines Ideenwettbewerbs, bei dem die Architekten Nicolas Schmit-Noesen und Laurent Schmit sowie Robert Heintz den zweiten Preis bekamen. Zum ersten Mal wird hier die Blockrandbebauung mit Innenhof aufgegeben. Das Gebäude hat zwei Schauseiten und ist von zwei Geschäftsstraßen ? der Avenue de la Gare und der Avenue de la Liberté ? aus zugänglich. Das Kino Erwähnenswert ist im Zusammenhang mit dem Lebensstil der 50er Jahre auch das Kino-wesen. Das Kino gehörte damals neben dem Radio zu den populärsten Freizeitbeschäfti- gungen, das Fernsehen wurde erst in den 60er Jahren zu einer Konkurrenz. Zwei Kinoneu-bauten in der Stadt Luxemburg seien hier hervorgehoben, das Eldorado, am Bahnhofsvor- platz in unmittelbarer Nähe des CFL-Gebäudes gelegen, und das Ciné Cité an der Place d'Armes, ?im Herzen der Altstadt". Die beiden Kinoge- bäude illustrieren auf anschauliche Weise zwei Richtungen der 50er Jahre-Architektur: das Ciné Cité die funktionalistische Bauweise in der Fort- setzung der klassischen 20er Jahre, das Eldorado die verspielte Version, die zu Petticoat und Nierentisch paßt. Monopol, Avenue de la Gare, 1957 7tw 15?Die 50eit Petiole werdeot 9eita ate ei4se «pedaled Feitaiten» Die fünfziger Jahre halten jedoch noch auf andere Art und Weise Einzug im Stadtbild, nämlich durch die zahlreichen Geschäftsmoder- nisierungen durch Ladenneubauten mit ihren typischen metalleingefaßten Vitrinen, Marmor- oder Granitverkleidung und Glastüren, die heute noch teilweise erhalten sind. Accinauto, 1956 Batty Fischer  Auf dem Gebiet des Wohnungsbaus sind zwei neue Wohnungstypen hervorzuheben: die ?Résidence" und der ?Bungalow". Bei der ?Résidence" handelt es sich um Eigentumswoh-nungen, die als co-propriété verwaltet werden, eine Folge der auch in den Randzonen der Stadt gestiegenen Grundstückspreise. Der ?Bunga-low" ist ein Bautypus, der durch amerikanischen Einfluß in Luxemburg Einzug gehalten hat und bis heute trotz enormen Flächenverbrauchs äußerst beliebt ist, vor allem in den Randge-meinden Luxemburgs und auf dem Land, wo das Bauterrain günstiger ist. Ein rascher Überblick über die Architektur Luxemburgs in den 50er Jahren zeigt, daß sich um die Mitte dieses Jahrzehnts gewissermaßen ein Schub der Moderne bemerkbar macht, der sicherlich durch den allgemeinen Aufschwung zu erklären ist, durch ein neues Selbstbewußtsein Luxemburgs, wie es sich auf der Weltausstellung von 1958 manifestiert, und insbesondere der Hauptstadt mit ihrem nunmehr europäischen Flair. Antoinette Lorang Dieser Aufsatz ist eine Kurzfassung meines Beitrages in der Publikation: Le Luxembourg des années 50. Une société de petite dimension entre tradi-tion et modernité. Sous la direction de Claude Wey. Publications scientifiques du Musée d'Histoire de la Ville de Luxembourg, tome Ill, Luxembourg 1999. (1) La., Luxemburg hat ein neues Regierungsgebäude gebaut, in: Formes Nouvelles 1 (1953) 10, S. 175; (2) Lorang, Antoinette, Die ?Bâloise", ein Opfer der Stadtbildpflege, in: Lorang Antoinette, Scuto Denis, La maison d'en face ? Das Haus gegenüber, Esch/Alzette, 1995


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