07/03/1999 18:07 Alter: 20 yrs

Die Geschichte eines Monuments im Spiegel der Presse

Kategorie: 60/1999 - Gëlle Fra 60/1999 - Gëlle Fra

„Wir wollen heut' der Helden denken... Die Geschichte eines Monuments im Spiegel der Presse René Clesse Wieviel Artikel wurden allein in dem letzten Jahrzehnt über Vor- und Nachteile der Nordstrooss geschrieben? Wieviel Hektoliter Druckerschwärze, wieviel hundert Tonnen Papier hat der Streit um die Konzeption und den Standort des Pei-Museums verschlungen? Wann wird endlich in dem jetzt schon mehr als fünf Jahre dauernden Gerangel um das Bus-Tram-Bunn-Projekt eine Entscheidung getroffen? Wer sich heute angesichts der hiesigen Medienöffentlichkeit kopfschüttelnd solche Fragen stellt, dem können wir versichern, daß diese „Streitkultur ä la luxembourgeoise” kein neues Phänomen ist. Denn das war früher nicht viel anders, wie zum Beispiel die Querele um das Monument du Souvenir National Anno 1920 anschaulich dokumentiert. Lange bevor im Februar 1920 der öffentliche Wettbewerb überhaupt ausgeschrieben wurde, lieferten sich die damaligen Skribenten bereits erbitterte Gefechte um die Philosophie und die Architektur eines solchen Projekts. So machte Ende März 1919 ein Korrespondent des Luxemburger Wort den Vorschlag, man möge doch für die Ausführung des neuen Nationaldenkmals „die Form einer Kriegs-Gedächtniskirche mit einem schönen, stimmungsvollen Heldendenkmal im Innern wählen". Diese Provokation rief den damaligen Chefredakteur der Luxemburger Zeitung, Batty Weber, auf den Plan, der in seinem Abvorme3. Aipßril wkie faolg-t kloenternte:der „Die Ausführung des Planes, wie ihn der Wort-Korrespondent anregt, käme der Beschlagnahme einer rein nationalen Sache durch konfessionelle Einseitigkeit gleich. Manche unserer Legionäre waren gläubig, andere nicht. Diese wären sicher nicht von der Idee begeistert, daß sie nach ihrem Tode für alle Zeiten in einer Kirche verewigt würden, wo sie zeitlebens an allen Kirchen vorbeigingen. (...) Nein, wir wollen ein National-Denkmal, wie es sich die Allgemeinheit bei diesem Wort vorstellt. Es ist zwar noch verfrüht, vom Platz zu reden, wo es stehen soll." Das sollte aber nicht verhindern, daß Batty Weber - der in der Stadt Luxemburg wohnte, jedoch in Stadtbredimus aufgewachsen war – konkrete Vorschläge machte:,, Entweder kommt das Denkmal in die Hauptstadt, dann meine ich, es stünde am besten auf dem Konstitutionsplatz, der Sonne und dem Herzen der Stadt am nächsten, und dabei frei, jedem vom Bahnhof Ankommenden den Gruß der Stadt und des Landes entbietend, für etwaige Kundgebungen den weitesten Spielraum gewährend. Oder es soll an einer landschaftlich ausgezeichneten Stelle im Land stehen, und dann bin ich sicher, es würde nirgends symbolischer und nirgends großartiger wirken, als auf der Höhe des Scbehi Remeichu." -erberg Am 1. Oktober 1921, sechs Monate nach dem Verdikt der Jury, daß das Cito-Projekt zur Ausführung gelangen sollte, plädierte Batty Weber für die Beisetzung eines soldat inconnu unter dem Denkmal: „Wenn Frankreich seinen soldat inconnu unter dem Triumphbogen der Champs Elysées beigesetzt hat, so haben wir noch viel triftigere Grande, ein gleiches Symbol in unserer Mitte zu schaffen. (...) Wir müssen unserer Erde einen Inhalt geben. Indem wir in ihr die Gebeine eines unbekannten Luxemburger Legionärs beisetzen, machen wir sie zur Ruhestätte aller jungen Luxemburger, die im Weltkrieg für Frankreich gefallen sind. (...) Es muß möglich sein, aus den Massengräbern der französischen Schlachtfelder, auf denen unsere Jugend verblutete, die Überreste eines herauszuholen, von dem niemand weiß, wer es war." Dieser Vorschlag stieß auf taube Ohren, und im Fundament wurde bloß symbolisch ein wenig französisches Erdreich deponiert. Auch eine weitere Anregung - im Abreißkalender vom 20. Juli 1922 - des Chefredakteurs der Luxemburger Zeitung ward nicht übernommen, obwohl sie doch ziemlich einleuchtend war: „(...) der Name gefällt mir nur halb. Monument du Souvenir ist ein Pleonasmus. Denkmal des Andenkens. Warum sollen wir ihm nicht den Namen geben, den es verdient, der zu ihm paßt und der mehr und Deutlicheres bedeutet, als Monument du Souvenir? Warum soll es nicht Freiheitsdenkmal heißen?" Apropos Freiheit: Daß Claus Citos Werk in konservativen und klerikalen Kreisen ziemlich umstritten war, das veranschaulicht zum Beispiel der Beitrag „Fir d'Hemecht, den das Wort am 26. Mai 1923, am Vortag der offiziellen Einweihungszeremonie, veröffentlichte und der wie folgt anfängt: „Die morgige Enthüllung des Monument du Souvenir auf dem Konstitutionsplatz soll uns der Anlaß sein, die Idee des Festes zu ununtdeaurf sseinte rgroeßeiB-edceuthungen hinDazs Duenkm-alw- wiremeiinesn eseinne Id.ee und nich t seine künstlerische Ausführung – soll erinnern an das Opfer der dreitausend jungen Luxemburger, die aufSeiten derAlliierten für die Freiheit ihrer Heimat kämpften und dafür sterben mußten." Noch deutlicher reflektiert wird der damalige Kulturkampf in einem Brief - datiert auf den 19. Juni 1923 - des deutschen Botschafters in Luxemburg an das Auswärtige Amt, den die Autorin Lotty Braun-Breck in ihrem 1995 erschienenen Buch Claus Cito (1882-1965) und seine Zeit zitiert: „...Endlich ist das Denkmal selbst von künstlerischem und ästhetischem Standpunkt lebhaft kritisiert worden; namentlich haben weite streng sittlich gerichtete Kreise die dürftige Bekleidung der Friedensgöttin, welche oben auf dem Obelisk steht, beanstandet, und die meistverbreitete Tageszeitung LW hat dieser Kritik wiederholt ihre Spalten geöffnet und sich ihr nachdrücklich angeschlossen. Es gilt als audsaßgdereBisc-hofmvon La. seicne ahllerdtin,gs längst fällige peregrinatio ad limina apostolorum zujenerZeit unternommen hat, um während der Feier in Rom zu sein..." Für das 1922 gegründete satirische Wochenblatt De Gukuk war die Polemik um die Gëlle Fra natürlich ein gefundenes Fressen. Bereits mehrere Wochen vor der Einweihung, in den Nummern vom 5., vom 12. und vom 19. Mai 1923, veröffentlichte der Gukuk eine mit dem Pseudonym Flang unterzeichnete „Rund- frage" zum Thema „Das Nackte in Kunst und Leben", in welcher Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in fiktiven Interviews auf die Schippe genommen wurden. Am 26. Mai indes, am Vorabend der Feierlichkeiten, druckte die satirische Postille das folgende, sehr ernantsimitlitagristiesch-e Gmedichte: inte Monument du Souvenir Sie rüsten mit viel Apparat Zum fröhlich feuchten Feste. Der Bierwirt hält das Faß parat Und hofft auf viele Gäste. Es bügelt schon die blonde Maid Die rosa Seidenbluse; Der Redner hält sich schußbereit Der Dichter melkt die Muse. (..) Damit das Volk auch richtig merke Den tiefen Sinn der großen Feier, Und ihms Gefühl fürs Ganze stärke Braucht man ein schönes Freudenfeuer. 6-) Die Straßen tragen Festgepränge, Aus allen Fenstern wehen Fahnen; Allüberall Musikgeklänge, Und du beginnst - etwas zu ahnen. Und alle, alle sind sie da Und alle, alle sind dabei: Der lämp, der Pier, der Nikela, Der Prinz, Regierung und Märei. Herr Cito, Bildhauer und Architekt. Den Legionär auf Staatsbanketten Der Kriegsgewinner schwungvoll preist, Indem er schmatzend in den fetten, Gewürzten Hämmelsgigot beißt. Den großen Helden er dort feiert, Mit gloire, victoire, mit ah! und oh! Indes sein Magen etwas säuert Von dem genossenen Bordeaux. Als sie in fünfjaÅNhriger Kampagne, Die ganze Menschheit zu erlösen, Die Marne hielten, die Champagne, Wo seid 1h r da gewesen? (...) Wir wollen heut' der Helden denken, Vor ihrem Opfer still uns neigen, Und ihnen unsere Liebe schenken, Und schweigen, schweigen. Der dies schrieb und mit Criton undetrehattre zbesetimimtcdiehwo-hlnbedeeutteneds,te Zeitung der Weimarer Republik, die radikaldemokratische Weltbühne abonniert, deren federführender Redakteur ein gewisser Kurt Tucholsky war. René Clesse „Entwederkommt das Denkmal in die Hauptstadt, dann meine ich, es stünde am besten auf dem Konstitutionsplatz, der Sonne und dem Herzen der Stadt am nächsten, und dabei frei, jedem vom Bahnhof Ankommenden den Gruß der Stadt und des Landes entbietend, für Kundend-gebunetwgaigeen weitesten Spielraum gewährend.” Batty Weber


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