30/06/1991 17:31 Alter: 28 yrs

300 Jahre Plëssdarem

Kategorie: 37/1991 - Place d'Armes 37/1991 - Place d'Armes

300 Jahre Plëssdarem Forum Novum, Bürgersalon, Touristenfalle E'n sonniger Spätfrühlingstag Ende Mai 1991 in einer reichen, sauberen Stadt irgendwo in der Mitte Europas. Auf den Boulevards kämpfen sich blit- zende Neuwagen durch den zähen Nachmittagsverkehr, von kalt gestylten Glas- und Betonsilos grüßen die multinationalen Firmennamen von Banken und Konzernen, und im Zentrum der Altstadt lädt die neugepflasterte Fuß- gängerzone zum Stadtbummel ein. Die kleinen adretten Gassen, in denen längst jedes noch so enge Haus zum Geschäftshaus umfunktioniert wurde, münden alle in einen großen, von Terrassen gesäumten Platz, in dessen Mitte ein Musikkiosk steht. Das Auge des Besuchers entdeckt gequält das ewig glei- che Kunststoff-Ambiente der Fast-food-Ketten, der Hamburger-, Pizza- und Grillrestaurants, schweift über ein Kino, eine etwas anspruchsvollere Gast- stätte mit französischem Namen, einen Zeitungs- und Tabakladen, einen Fri- seur und ein paar Souvenirgeschäfte. Wären da nicht noch einige wenige gut erhaltene Jugendstilbauten, der die ganze Breitseite des Platzes bestimmende altehrwürdige Cercle und der zum Jugendtreff umgestaltete Square Jan Pallach mit dem Dicks-Lentz-Denkmal, so fände ein Hauptstädter, der zehn bis zwanzig Jahre in der Fremde verbracht hätte, kaum noch Orientierungspunkte für seine Erinnerungen an Luxem- burgs schöne alte Plëssclarem.Das Lied von den guten, alten Zei- ten, wer kennt es nicht? Das Wort ?Streß" war noch nicht erfunden, es gab keine Hochhäuser, keinen Verkehrslärm und kein Fernsehen, dafür aber Musik und Kartenspiel, Sonntagsspaziergang und Bürgergemütlichkeit allenthalben, für die wenigen immerhin, die sich zu dieser Klasse zählen durften. Die hauptstädtische Plëssdarem war jahrhundertelang der ?Paradeplatz" von Honoratioren und Offizieren der ver- schiedenen Besatzungsmächte und schließlich nach der Schleifung der Festung im Jahre 1867 der städtische ?Salon" des aufstrebenden Luxemburger Bürgertums, wie Batty Weber es so tref- fend formulierte. LU X EMBOURLi P,Rec. d'Arertfa Militärparaden wurden hier ebenso abgehalten wie Todesurteile vollstreckt, und dort, wo seit Anfang dieses Jahrhun- derts das Cercle-Gebäude steht, befand sich möglicherweise schon vor der ersten französischen Besatzung die Hauptwa- che der Festung, die zweifellos dem Platz zu seinem Namen verholfen hat. 1827 wurde die erste Hauptwache abgerissen und durch jenes neue Gebäude ersetzt, das wir von den Zeichnungen von Michel Engels und den Fotos von Batty Fischer her kennen. Nach der Schleifung der Festung bezogen die chasseurs luxem- bourgeois hier Posten, und nach deren Auflösung im Jahre 1881 mußte die zweite Hauptwache im Jahre 1902 dem Cercle weichen. Der Tabakfabrikant Joseph Heintz-Michaelis erwarb das Gemäuer und ließ es in seinem Hollericher Park neu errichten, wo es noch heute als Kuriosum zu bewundern ist. Die Entstehungsgeschichte der Place d'Armes begann mit einer Katastrophe größeren Ausmaßes: Am 11. Juni 1554 war durch Blitzschlag in der Stadt ein Feuer ausgebrochen, das sich in den oft nur mit Schindeln und Stroh gedeckten Häusern und Hütten rasch ausbreitete und bald auch auf die Franziskanerkirche übergriff, auf deren Speichern riesige Pul- vermengen zum Trocknen lagerten. Die Brände und Explosionen zerstörten den größten Teil der Oberstadt, u.a. das alte ?Rathaus" mit dem Straßenzug bis zur Flëschirgaass und das Franziskanerklo- ster, wie François Lascombes in seiner ?Chronik der Stadt Luxemburg" ver- merkt. Nachdem Ernest Peter von Mansfeld 1551 in Kriegsgefangenschaft geraten war, traf der Niederländer Martin van Rossem 1553 als interimistischer Gouver-neur in Luxemburg ein. Der neue oberste Befehlshaber beauftragte den Architek- ten und Militäringenieur Sebastian van Oyen sofort nach der Katastrophe mit der Ausarbeitung eines neuen Bebau- ungsplans. Auf diesem Plan, den Thomas Mameranus, der Bruder des Diplomaten und Humanisten Nicolas Mameranus, 1561 dem spanischen König Philipp 11. unterbreitete und dessen Original in der Bibliothek des spanischen Klosters Esco-rial aufbewahrt wird, erkennt man im Zentrum der Oberstadt ein Forum Novum, einen großen Platz von üppigen Dimensionen: longum pedes 300 (96 m), latum 200(64 m). Dies entsprach in etwa der Größe des damaligen Brüsseler Mark- tes, und anfangs hatte van Oyen die spätere Plëss sogar noch größer geplant, etwa doppelt so groß wie sie dann später gebaut wurde (84 x 61 m).Doch solche Dimensionen waren den Luxemburgern wohl ein paar Num-mern zu großstädtisch, und Thomas Mameranus sollte sich über seine Lands- leute bitter beklagen, die die Demarka- tionssteine des Platzes herausrissen und dort, wo dereinst das Forum entstehen sollte, Gärten oder gar Weinberge anleg- ten. Ohnehin waren das ausgehende 16. und auch der Anfang des 17. Jahrhunderts nicht der rechte Zeitpunkt für ehrgeizige urbanistische Pläne: Die Pest und der Dreißigjährige Krieg wüteten in Europa und forderten auch unter der Luxembur-ger Bevölkerung zahlreiche Opfer, zudem lehrte die Eroberungspolitik Lud-wig XIV. Frankreichs Nachbarstaaten das Fürchten. Der Paradeplatz von Luxemburg ist sozusa- gen der Salon der Stadt. Man geht nach Tisch hin, um seinen Kaffee zu trinken, oder um Musik zu hören und im Sommer abends plau-dernd beieinander zu sitzen, bis es Schlafens- zeit ist. Jeder von uns fühlt sich dort wie in einem Raum des eigenen Heims, und der Platz hat ja auch die Intimität und Geschlossenheit eines Innenraums. Batty Weber Abreißkalender vom 1. Februar 1919 So sollte es noch mehr als ein halbes Jahrhundert dauern, bis das Forum Novum endlich verwirklicht wurde. Auf Drängen der spanischen Besatzer, die einen Angriff der Franzosen fürchteten und den ehemaligen Generalgouverneur der Niederlande, Graf de Monterey, und dessen Militäringenieur Louvigny im Jahre 1671 mit der Restaurierung der Festungsanlagen beauftragten, begann sich das Bild der Stadt sehr schnell zu wandeln. Im Namen des Königs wurde angeordnet, 95 Häuser, davon 43 im Pfaffenthaler Berg und 52 in Stadtgrund, abzutragen und die Bewohner in die Oberstadt umzusiedeln. Hier erhielten sie Bauplätze in den bisherigen Gärten der Jesuiten und der Franziskaner. So ent- CAFC: liESTA-URFINT WTHOPOLE, .Joseph NUSS. standen neue Straßen, die die Namen des Grafen von Monterey, des damaligen Festungsgouverneurs Chimay und des Ingenieurs Louvigny erhielten. Die Neu- gasse (heute: Pasclitoueschgaass) wurde verlängert, und an ihrem westlichen Ende entstand schließlich die Plüssdarem, für deren Anlage zweifellos die alten Pläne von Sebastian van Oyen und Thomas Mameranus, angepaßt an die neuen loka- len Gegebenheiten, sehr von Nutzen gewesen waren. Am 10. August 1671 wurde die Pless samt der anliegenden neuen Straßen feier- lich eingesegnet und somit offiziell ihrer Bestimmung, der Vergrößerung der Oberstadt, übergeben. Viele Hauptstäd- ter hingegen reagierten auf die urbanisti-300 JAHRE PLESSDAREM sche Veränderung anfangs mit Mißtrauen und Unzufriedenheit, galt es doch, dem Ausbau der Festungsanlagen einen Grog- teil des quirligen Lebens der Unterstädte zu opfern und Handel und Handwerk in das ungewohnt ruhige und damals noch ländliche neugeschaffene Zentrum der Oberstadt zu verlegen. Aber der neue Platz entwickelte sich sehr schnell zum öffentlichen Forum: Bereits 1673 wurde jeweils donnerstags an seinem oberen Ende (heute: Cercle) der Getreidemarkt abgehalten, und nach 1684, am Anfang der ersten französischen Besatzungszeit, begann die systematische Bebauung an der Nordseite, die dann im 18. Jahrhundert konsequent weiterging. Langsam erhielt die Pless ihr Gesicht: Sie wurde gepflastert, mit Linden bepflanzt, die bis 1830 dort standen und später durch Kastanienbäume ersetzt wurden. Um die Wasserversorgung der Stadt sicherzustellen, ließ Vauban auf der Place dArmes einen 60 m tiefen Brunnen aus-heben, der später unter der Regentschaft Maria-Theresias überdacht wurde und ungefähr 210 Eimer Wasser pro Tag lie- ferte. Zusammen mit drei anderen Brun- nenhäusern gehörte diese Einrichtung der Stadtverwaltung, und ein Eimer Was- ser kostete 2 Centimes. Nach der Fertig- stellung des ersten Leitungsnetzes wurde das Brunnenhaus 1870 abgetragen, der Schacht aber existiert heute noch. Viele der den Platz säumenden Gebäude haben eine interessante Vergan-genheit. Gegenüber dem Cercle, dessen Entstehungsgeschichte in den Beiträgen von Simone Baldauff-Beck und Elisabeth Vermast ausgiebig erläutert wird, am heu-tigen Square Jean Pallach, steht noch das alte Hôtel de Gerden oder Schengenhaus. Es wurde im 18. Jahrhundert vom Schmelzherrn Thomas de Ryaville errich-tet und gelangte danach in den Besitz von Baron Guillaume d'Arnould. 1790 wurde es vom Sekretär des Conseil souverain François-Willibrord de Gerden erwor- ben, der 1794, bei der Ankunft der fran- zösischen Truppen, flüchtete und die von ihm verwalteten Gelder mitgehen ließ. Er wurde strafrechtlich verfolgt und enteig- net, und das Haus erlebte daraufhin ein wechselvolles Schicksal: Von 1815 bis 1867 wurde es ?die Kommandantur" genannt, weil es vom Generalkommandanten der Festung bewohnt wurde, ab 1877 bis zu deren Bankrott 1882 diente es als Sitz der Banque Nationale, und schließlich wurde es vom Luxemburger Staat übernommen, der verschiedene Verwaltungen hier unterbrachte, u.a. den Staatsrat, das Katasteramt und die Rechnungskammer. Wenn wir vom alten Schengenhaus in Richtung Cercle spazieren, kommen wir an einem weiteren geschichtsträchtigen Gebäude vorbei, dem ehemaligen Grand- Café (heute: Académie), das um die Jahr- hundertwende und in den darauffolgen- den Jahren der legendären Belle Epoque ein stadt- und landbekannter Bürgertreff war. Das Haus, das im 18. Jahrhundert dem Kunstschmied Pierre Petit gehörte, der hier u.a. den Votivaltar für die Oktave oder das schmiedeeiserne Gitter von St. Maximin schuf, wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts von der Familie Léon Schmit-Hildgen zu einem prunkvollen Lokal umgebaut. In seinem Abreißkalen- der vom 1. Juli 1921 erinnert sich Batty Weber an die Eröffnungsfeierlichkeiten am 22. Dezember 1894: ?Vielleicht zum ersten Mal war da ein Zug ins Großstädti- sche in unser öffentliches Leben gekom- men. Zum ersten Mal saß man in einem Caféhaus, das zwei Stockwerke hoch war,beim Licht von Bogenlampen, die eine fast zu grelle Lichtflut über die Tische gossen, bei den Klängen einer Musik, die von der Galerie an einer der Längswände heruntertönte. An meinem Tisch saß der junge Architekt Karl Willendorf, der den Entwurf zu der Innendekoration geliefert hatte und jetzt mit Komplimenten über- schüttet wurde." Vieles bliebe noch zu erzählen über die alten Gaststätten und Wirtshäuser rundum die Plass, über das Café Jen etwa, das um 1920 dem Möbelhaus Bonn weichen mußte, über den Luxemburger Hof in der Wassergasse, der 1921 zum Palais dancing umgebaut wurde, über die wechselvolle Geschichte des Café du Commerce oder über das Majestic, das im Oktober 1921 mit der ersten bewegli- chen Lichtreklame ein bißchen großstäd- tisches Flair nach Luxemburg brachte. ?Nichts ist bezeichnender für den Lokal- charakter, als der Charakter der Lokale": Schon wieder Batty Weber, der mangels eines anderen Chronisten halt noch ein- mal herhalten muß. Zu berichten wäre von so mancher historischen Begebenheit aus alten Besat- zungszeiten, von pompösen Parademär- schen, Staatsvisiten, Volksfesten, Sieges- feiern und Feuerwerken, aber auch von Belagerungen, Hungersnöten und grau-samen Hinrichtungen durch den Strick, die die Henker hier jahrhundertelang vor der schaulustigen Menge vollstreckten. Hohe Exponenten der bewegten europäischen Geschichte wurden auf der Place dArmes mit allen militärischen Ehren empfangen, so etwa 1791 der Gene- ralgouverneur Albert von Sachsen- Teschen mit seiner Gattin, einer Schwe-ster von Marie-Antoinette, oder ein Jahr später der Herzog von Braunschweig mit dem König von Preußen Friedrich-Wil-helm II. Am 8. Mai 1798 feierten die französi- schen Revolutionäre hier ihr erstes Fest der Republik, vor dem Freiheitsbaum, den sie in ein Erdloch vor der Hauptwa-che geplanzt hatten, in das sie vorher die österreichische Flagge mit dem Adler ver- senkt hatten. Ein sogenannter ?heiliger Stein" aus den Trümmern der zerstörten Bastille war ins Pflaster des Platzes einge- lassen worden, und auf diesem symbol- trächtigen Relikt stehend pflegte der Festungskommandant seine Befehle zu erteilen. Auch in der jüngeren Geschichte hat die Plëss als repräsentativer Rahmen her- halten müssen, so während der Nazi- Okkupation unseres Landes im zweiten Weltkrieg, als Gauleiter Gustav Simon hier seine düsteren Paraden abhielt und den Luxemburgern die menschenverach- tenden Gesetze des Dritten Reiches auf-zuzwingen versuchte. Aber für diese bittere Zeit wurden die Hauptstädter dann am 10. September 1944 entschädigt, als Prinz Félix und Erb- großherzog Jean nach der Befreiung vom Balkon des Cercle aus eine jubelnde Men- schenmenge begrüßten.IC vi II V v.' ve1 ?r?-,14.1 ? ??? ? UllialL1111, ?;AI 11111k1111 Allan& y4'111411 ,12"Leben und Geselligkeit bietet die Plëssdarem auch heute in Hülle und Fülle. Touristen aller Nationen, vor allem Belgier, Holländer, Deutsche, Amerika-ner und Japaner trifft man hier zu jeder Jahreszeit an. Bei gutem Wetter bevöl- kern sie die Terrassen der zahlreichen Gaststätten, lassen sich Big Macs mit Cola und Pommes frites munden oder probieren auch schon mal ein traditionel-les einheimisches Gericht wie Judd mat Gaardebounen oder Ecrevisses à la luxembourgeoise. Oder sie fragen nach dem Fremdenverkehrsamt, das im Cercle-Gebäude auf der Seite der Pasch- toueschgaass zu finden ist, nach den Kasematten oder dem ?Schloß des Groß-herzogs". Im Frühling und Sommer gibt es auf der Plëss ohnehin von früh bis spät Rambazamba und Folklore: Luxembur-gische Dorfkapellen und afrikanische Trommler, polnische Drehorgelmänner, französische Pflastermaler, einheimische Flohmärkte, wagemutige Skateboard- Artisten und zahlreiche andere Klein- künstler sorgen für den üblichen Fußgän- gerzonen-Klamauk, den man heute in jeder größeren Stadt findet. Aber neben den omnipräsenten Touristen, von denen ganze Bastionen keineswegs unsere Sehenswürdigkeiten, sondern allenfalls bestimmte Genußmit- tel im Sinn haben, die hier billiger zu haben sind und zu deren käuflichem Erwerb sie für jeweils einen halben Tag per Bus ins Großherzogtum einreisen, sind noch zahlreiche andere Ausländer auf der Plëss zu beobachten: Banker, die mit Nadelstreifen und Attaché-Case ihren internationalen Geld- und Devisen- geschäften nachgehen, EG-Beamte, die hier in der Mittagspause ihren Espresso schlürfen, und nicht zuletzt die fleißigen Portugiesen, die im Dienste inländischer Baufirmen allenthalben dafür sorgen, daß der Fortschritt, wie er auch immer ausse- hen mag, in Luxemburg mit dem Rest der reichen Welt Schritt halten kann. Und wie die ganze Stadt ist auch die Place d'Armes auf der Höhe der neuen Zeit. Innerhalb weniger Jahre sind schließlich die letzten Stätten Altluxem- burger Gemütlichkeit, die dem Zeitgeist lange getrotzt hatten, so die Taverne Josy Mersch oder das Café du Commerce, in anonyme Konsumhallen verwandelt wor- den. Die alteingesessenen Bürger der Hauptstadt haben somit kaum noch einen plausiblen Grund, auf der Pléss ihren Apéritif zu trinken oder abends beim Spätschoppen die letzten Neuigkei- ten auszutauschen. ?Wann een op der Plëss houscht, dann héieren s'et op der Gare": Das alte luxemburgische Sprich- wort über den Klatsch ergibt heute kei-nen Sinn mehr in einer Stadt, deren Zen- trum abends nach Geschäftsschluß gäh- nend leer ist, weil die horrenden Grund- stückspreise und Mieten die letzten Bewohner in die Peripherie verdrängt haben. René Clesse 11


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37/1991 - Place d'Armes

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