21/03/1997 19:17 Alter: 22 yrs

Die Sankt-Nikolaus-Kirche am Neumarkt

Kategorie: 54/1997 - Krautmarkt 54/1997 - Krautmarkt

Die Sankt-Nikolaus-Kirche am Neumarkt seit ihrer Errichtung durch den Kaufmann und Burger 5-fecefo, war die St.-gOkolaus-gqrche auf dem ?Neumarktij der Mittelpunkt des Pfarreifebens im Herzen der erwei-terten Altstadt. Ihr um 1250 entstandener Turm war ein symbol- trächtiges Zeichen, das nicht nur auf das Göttliche verwies, sondern auch in seiner näheren Eigenschaft als Wachtturm auf das Leben der Stadt-bewohner blickte. In diesem Zeit-raum hat das 5qrchengebäude teilge-nommen am Schicksal der Bevölkerung, die öfters der Kriegsge-fahr, den Feuersbrünsten und den Pestseuchen ausgeliefert war und häufig politische Führungswechsel annehmen mußte. In seinen mehrmals im Laufe der Geschichte vergrößerten Mauern, die 1 779 abgetragen wurden, spielte sich ein breitge- fächertes gottesdienstfiches Leben ab, das viele Heifigenverehrungen und Andachtsformen entwickelt hatte. Sankt-AdkoCaus-Kirche am Vumarkt Bereits seit 1166 aufgrund eines kirchen- rechtlichen Eigenstatus faktisch getrennt von der alten Mutterpfarrei Weimerskirch, auf deren Gebiet sie entstanden war, reflektiert die St.- Nikolaus-Kirche als bürgerliche Stiftung den Übergang vom kleinen gräflichen Marktflecken zur eigentlichen Stadt! Ihre schnelle Entwicklung zu einem Gotteshaus mit pfarrrechtlichem Charakter zeugt für das enge Verhältnis von Bevölkerung und Kirche. Mit dem Wachsen der Einwohnerzahl und der Ausdehnung der Stadt seit der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts entfaltet die Kirche die seit dem Frühmittelalter bestehenden Pfarrstrukturen, um eine geeignete Seelsorge in den neuen gesellschaftlichen Verhältnissen zu gewährleisten. Seit dem Früh- mittelalter nämlich kennt das kirchliche Leben die territoriale Gliederung. Das Land wird mit einem schrittweise anwachsenden Netz von Pfarreien überzogen, so daß der Einzelne aufgrund seines Wohnsitzes einer bestimmten Pfarrei angehört. Durch den Einfluß des gemein-schaftsbetonten mittelalterlichen Welt- und Menschenbildes spielt die Beobachtung des Pfarrbannes eine bestimmende Rolle. Der Christ wird rechtlich an das gottesdienstliche Leben der für ihn zuständigen Pfarrei gebunden. Xidu. In seiner frühesten Gestalt wird das Territo- rialprinzip im Aufbau des kirchlichen Lebens greifbar in den beiden Mutterpfarreien von Weimerskirch, dessen Kirche 723 als Wimari ecclesia bezeugt ist, und Hollerich (Hilderkinga), die sich das künftige Stadtgebiet aufteilen. Der alte Römerweg von Arlon nach Trier, der das Gebiet durchquert und von der heutigen Groß- straße über den Krautmarkt und die Wassergasse zum Fischmarkt führt, scheidet beide Pfarrbe-reiche. Kirchenrechtlich bleibt die ursprüngliche Abhängigkeit der St.-Nikolaus-Kirche von der Mutterpfarrei Weimerskirch bis 1585 bestehen. Obwohl die Kirche weithin die Funktion einer Pfarrkirche angenommen hat, wird erst in jenem Jahr der Pfarrsitz von Weimerskirch durch den Erzbischof von Trier, zu dessen Juridiktionsbe- reich die Stadt von Anfang an gehört, nach St.- Nikolaus verlegt, so daß es zum Zusammen- schluß von Weimerskirch mit der Pfarrei St.-Nikolaus kommt. Zu Anfang des 14. Jahrhunderts ist die Entwicklung des Pfarrnetzes auf dem Gebiet der damaligen Stadt Luxemburg abgeschlossen. Bereits zu Ende des 10. Jahrhunderts besitzt die St.-Ulrich-Kirche, die ursprünglich zur Mutter- pfarrei Hollerich gehörte und an der Einmün-? Die Nikolauskirche im Zentrum der Stadt Luxemburg. Detail einer Radierung von Braun und Hogenberg 1598 Das Gotteshaus um 1650 Zeichnung von Robert Gzronka 1936 dung des Petrußbaches in die Alzette lag, ihre Pfarrechte. Im späten 13. Jahrhundert tritt auch die ehemalige, aus dem Jahre 987 stammende ?Vorburg"-Kirche, die nun als St.-Michael- Kirche bezeichnet wird, als Pfarrkirche für das Gebiet innerhalb der ersten Ringmauer auf. Der schrittweise Ausbau des städtischen Pfarrsy- stems wird abgeschlossen mit der Erhebung der 1308 durch den Grafen Heinrich VII. gegrün- deten Spitalkirche ?auf den Steinen" im Stadt-grund zur Pfarrkirche unter dem Patrozinium des heiligen Johannes des Täufers im Jahre 1321. Nach der Zerstörung der Altmünsterabtei im Krieg von 1542/44 kommt es zur Verlegung des Benediktinerkonvents in das Johannesspital. 1618 gliedert der Trierer Erzbischof Lothar von Metternich die Pfarrei der Münsterabtei im Hospital an, so daß der Abt rechtlich als Pfarrer auftritt. Bis zur Französischen Revolution wird die im frühen 14. Jahrhundert abgeschlossene Pfarror- ganisation auf dem Gebiet der Festungsstadt bestehen bleiben. Obwohl Kaiser Joseph II. (1780-1790) im Sinne des Reformkatholizismus das Pfarrnetz abändern will, bleibt es dank einer tiefen geschichtlichen Verwurzelung bis zum Ende des Ancien Régime für die Stadtbevölke- rung bestimmend. Es gehört als Lebensraum des Menschen zum Aufbau und zur Gliederung der städtischen Gesellschaft. Geburt, Heirat und Tod des Einzelnen spielen sich hier ab und werden in den Pfarregistern festgehalten. Die Volkszählung von 1688 ist nach den Pfarrterritorien der Stadt erfolgt. Obwohl mit dem Jahre 1803, nach dem Abschluß des Konkordates zwischen Papst Pius VII. und Napoleon, Neustrukturierungen im überkommenen Pfarrsystem im Wälderdeparte- ment vorgenommen werden, bleibt die Pfarrein- teilung der Festungsstadt noch längere Zeit im 19. Jahrhundert bestehen. Lediglich die St.- Ulrich-Pfarrei, die in der Französischen Revolu-tion aufgelöst wurde, wird nicht mehr aufleben. Ihr Gebiet wird 1803 der Pfarrei St.-Michael angeschlossen. Die Stadtentwicklung bringt es mit sich, daß die St.-Nikolaus-Pfarrei, die ursprünglich nur die Bewohner zwischen der ersten und der zweiten Ringmauer umschloß, seit der Errichtung der dritten Ringmauer in den letzten Jahrzehnten des 14. Jahrhunderts und der damit verbundenen schrittweisen Bebauung des Stadtgebiets allmählich zur größten Pfarrei heranwächst. Dennoch kann sie im Unterschied zu ausländi- schen Stadtkirchen nie ein eigentliches Prestige gewinnen. Ihr Gotteshaus am Neumarkt, von einem Friedhof umgeben, bleibt bescheiden und baulich keineswegs repräsentativ. Seit der Mitte des 13. Jahrhunderts wird die St.-Nikolaus-Pfarr-kirche nämlich ?konkurrenziert" durch die nun entstehenden Kirchen der Ordensgemein- schaften, die sich auf dem Territorium der Pfarrei niederlassen und denen es ein Anliegen ist, geräumige Kirchenbauten zu errichten. So situ- ieren sich im 17. Jahrhundert mehrere Ordens- oder Konventskirchen auf dem Gebiet der Pfarrei. Auf dem heutigen Knuedler liegt die Franziskanerkirche, das monumentalste religiöse Bauwerk der Stadt, ihr gegenüber die ebenfalls imposante Kirche des Jesuitenkollegiums, die 1621 konsekriert wird. Etwas südlicher, unweit des HI.-Geist-Klosters, das zur St.-Ulrich-Pfarrei gehört, befindet sich die Dreifaltigkeitskapelle, die ab 1628 als Konventskirche der Schulschwe- stern der Kongregation U.L.Frau dient und 1737 durch eine monumentale Barockarchitektur ersetzt wird. 1625 wird im oberen Teil des Pfarr- sprengels die Kapuzinerkirche eröffnet. Angesichts dieser Situation versteht es sich, daß nach dem Konzil von Trient (1545-1563), das den Stellenwert des Pfarrwesens hervorhebt, die Pfarrer von St.-Nikolaus sich stets für ihre Pfarrechte einsetzen und manche Spannungen oder Konflikte mit den Ordensgemeinschaften ihnen nicht erspart bleiben. In der aufschlußrei- chen Chronik von Pfarrer Anton Feller (1674- 1717), die im städtischen Archiv aufbewahrt ist, wird diese Situation konkret geschildert. Nichtvon ungefähr bezeichnet ihn sein Großneffe Paul Feller, der ebenfalls Pfarrer an der St.-Nikolaus- Kirche war, als zelosus animarum pastor et iurium parochialium defensor, d.h. als eifrigen Seel- sorger, der gleichzeitig auf den Rechten der Pfarrei gegenüber den Ordenskonventen besteht! Die Eintragungen der Chronik bieten ein anschauliches Bild über das Wirken des Pfarrers in der politisch wechselvollen Periode des Ober- gangs vom 17. zum 18. Jahrhundert und machen deutlich, in welchem Ausmaß die großen und die kleinen Ereignisse im Leben der Stadt einen Widerhall in der St.-Nikolaus-Kirche finden. Die Erinnerung an Pfarrer Anton Feller lebt weiter vor allem in dem Pfarrhaus, das er in der heutigen Rue du Curé ab 1691 errichten ließ. Am 10. Mai 1778 wird unter Pfarrer Paul Feller (1743-1788) der Pfarrsitz von St.-Nikolaus in die Kollegiumskirche des 1773 aufgehobenen Jesuitenordens, die heutige Kathedrale, verlegt, die von Kaiserin Maria-Theresia der Nikolaus- pfarrei geschenkt wurde und die deswegen nun als ?Kirche St.-Nikolaus und St.-Theresia" bezeichnet wird. Bis auf den heutigen Tag erin-nert die St.-Nikolaus-Statue über dem Haupt- portal an die alte Stadtpfarrkirche. Der Friedhof, der jahrhundertelang die Kirche umgeben hat, St. Hadrianus Holzstatue des Heiligen Nepomuk aus der St.-Nikolauskirche, 18. Jahrhundert. Leihgabe der Kathedrale an das Geschichtsmuseum der Stadt Luxemburg. Der 1743 ausgeführte Predigt-stuhl steht heute in Ruette wird 1783 neben der Wallfahrtskapelle der Trösterin der Betrübten auf dem Glacisfeld neu angelegt. Bei der Verlegung des Pfarrsitzes in die Jesuitenkirche sind eine Reihe von Kunstwerken, die das gottesdienstliche Leben in der alten Pfarrkirche widerspiegeln, übertragen worden St. Natalie Das Martyrium? des HI. Hadrianus und somit der Nachwelt erhalten geblieben. Es handelt sich namentlich um die Statuen der Handwerkerzünfte, die in St.-Nikolaus ihre Got- tesdienste feierten, sowie die von Nicolas Koenen (t 1724) im Jahre 1692 geschaffenen Statuen des hl. Hadrianus und seiner Gemahlin, der hl. Nathalie. An den hl. Hadrianus als Schutz- patron der Stadt erinnert ebenfalls ein Monu- mentalgemälde von 1637, das sein Martyrium darstellt und heute im Musée National d'Histoire et d'Art als Leihgabe der Kirchenfabrik von St.- Michael am Fischmarkt aufbewahrt wird. Ein wertvoller Barockkelch, der dem Pfarrer Johannes Weylandt (1717-1743) gehörte, ist heute im Domschatz der Kathedrale unterge-bracht. Die 1748 von der Krämerzunft gestif-teten und von Bildhauer Nicolas Anseaux geschnitzten Seitenaltäre fanden im 19. Jahrhun- dert Aufstellung in der neuen Pfarrkirche von Walferdingen, während der ebenfalls von Anseaux 1743 ausgeführte Predigtstuhl laut Überlieferung nach seiner Versteigerung, die dem Abbruch der Kirche vorausging, nach Ruette unweit Virton kam. Michel Schmitt


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54/1997 - Krautmarkt

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