21/03/1997 19:17 Alter: 22 yrs

Der neue Markt, ein Ort des Alltags in der Mitte des 17. Jahrhunderts

Kategorie: 54/1997 - Krautmarkt 54/1997 - Krautmarkt

Marktfrauen bieten fautstarkin Luxem- burger Pratt Obst, Gemüse und Käse fed Ein Backer hat in der Eingangspassage zum Sankt- g1dkofaus-Ftiedhof sein Brot zum Verkauf ausfiegen. Spanische Sökfner treten aus der Schenke Zum Goldenen Löwen und überqueren den Platz vor der Vrche, an der einige ijesuitenmönche vorbeieilen. Ein Händler liefert auf Anfrage des Magistrats zweihundert Eimer, die zur Bekämpfung von Feuersbrünsten in der Waage gelagert werden. Mehrere wohlgekleidete Stadtbiirger schreiten an derselben vorbei, um sich in den grofen Saal des Stadthauses zu begeben, wo eine Sitzung des Stadtrates einberufen ist. Sie grüfen ehrfürchtig den Abt von Echternach, der wegen einer Einberufung tier Stände im Refugium der Abtei am Novum Forum weilt.... So oder ähnlich kann man sic h das Leben am Novum Forum an einem der beiden wöchentlichen Krautmarkttage in der Mitte des 17. Yahrhunderts vorstellen. Spätgotische Kellergewölbe im "Musée d'Histoire de la Ville de Luxembourg". Foto: IMEDIA. Der Neue Markt, ein Ort des Afftags in der Mitte des 17. Yahrhunderts Zu diesem Zeitpunkt hat sich der vor dem 12. Jahrhundert gegründete Neue Markt endgültig zum bürgerlichen Zentrum der Stadt Luxemburg entwickelt. In seinem Mittelpunkt stehen sowohl die dem Patron der Handler gewidmete Kirche Sankt-Nikolaus, die als Stadt- kirche par excellence gilt, als auch das Rathaus, in dessen ? vor dem Hintergrund der beschei-denen Festungsstadtarchitektur ? reiche Rennaissanceausstattung Teile des städtischen Vermögens investiert wurden. Das 1575, also einundzwanzig Jahre nach seiner Zerstörung durch die Auswirkungen einer Pulverexpolsion fertiggestellte Rathaus, war viel- leicht der sichtbarste Teil des bürgerlichen Selbst- bewußtseins. Seine äußere Gestaltung wurde sicher durch die unter dem Gouverneur Peter Ernst von Mansfeld durchgeführten Bauarbeiten in der Stadt beeinflußt. Der Ort vereinigte alle Insignien, die eine Einrichtung des Ancien regime zur Demonstration von Macht und Selbstbe- wußtsein brauchte. In der öffentlichen Waage, die unmittelbar an das Rathaus angeschlossen war, mußten alle auswärtigen Händler passieren und sich der städ- tischen Gewichts- und Qualitätskontrolle, die von den Zunftmeistern der Stadt ausgeübt wurde, unterwerfen. Erst dann durften sie die Produkte gemäß der gesellschaftlichen Ordnung der Alten Zeit anbieten: zunächst dem Stand des Adels, dann der Geistlichkeit und endlich dem gemeinen Dritten Stand. Das Waagegeld, das die Geschäftsleute bezahlten, stellte trotz der anfallenden Reparaturarbeiten an der Waage eine ergiebige Ertragsquelle für die Stadt dar, ein Zeichen, daß Luxemburg als Wirtschaftszentrum der größeren Region galt. Der Magistrat übte einen Teil der Rechts-sprechung aus, die durch das Richterschwert symbolisiert wurde. Kein Wunder also, daß sich in einer Zeit, in der das gesellschaftliche Leben von der äußeren Symbolik beherrscht wurde, städtische Gefängniszellen und Kerker als Ausdruck der kommunalen Gewalt im Rathaus befanden. Leider waren die Zellen so marode geworden, daß die Verurteilten trotz aufge- stellter Wachposten öfter über den Sankt-Niko- laus-Friedhof fliehen konnten. Im Rathaus wurden ebenfalls die Stadt- waffen, reales Zeichen der Wehrhaftigkeit, gela- gert. Jeder neue Bürger, der in den Genuß der Stadtrechte kam, mußte zu ihrer Verteidigung beitragen und der Rechtsgemeinschaft eine Waffe schenken, die, auch wenn der Barger die Stadt verließ, im Besitz derselben verblieb. Das Stadthaus am Neuen Markt war also das Zentrum der städtischen Macht. In den Räumen, in denen der Stadtrat tagte, wurde Recht gesprochen und über gemeinnützige Ausgaben diskutiert. Hier fanden sich an Rats- tagen die Honoratioren der Stadt, die Schöffen und der als Richter bekannte Vorsitzende zusammen und begegneten in den Fluren des Hauses auch den Mitgliedern der Ständever- sammlung, die im gleichen Gebäude tagten. Die Ständeversammlung war, wie es das gesellschaftliche Ordnungsschema des Ancien régime vorsah, in Adel, Geistlichkeit und den Dritten Stand gegliedert. Die Stände sollten die Interessen der Bevölkerung gegenüber dem Herrscher vertreten und gehörten zu den wich-tigen staatlichen Institutionen. Die Versammlung hatte ihren Sitz in der Festungsstadt Luxemburg und unterstrich damit die zentrale Stellung, die-.406110100,;-1 .0.? ? ' Luxemburg im Herzogtum einnahm. Sicher war es auch kein Zufall, daß die politischen Vertreter der Bevölkerung des Herzogtums im gleichen Gebäude tagten, in dem sich der Magistrat zusammenfand. Eine der Hauptaufgaben der zweimal jähr- lich einberufenen Versammlung bestand in der Bestätigung der Steuerlast und ihrer Verteilung auf die einzelnen Bevölkerungsschichten. Der geistliche Stand wurde von den Äbten der großen Abteien Orval, Sankt Maximin, Claire- fontaine und Echternach vertreten. Die geistli- chen Würdenträger weilten bei diesen Gelegen- heiten in den Refugien, die ihre Häuser in der Festungsstadt besaßen. Das Refugium der Abtei Echternach, das in Friedenszeiten eine ebenfalls für das Ancien régime typische repräsentative Verwaltungs- funktion erfüllte und den Mönchen im Kriegsfall Schutz gewährte, befand sich quer gegenüber dem Rathaus, am oberen Ende des Neuen Marktes. 1655 wurde es von dem Schöffen Remacle Colin bewohnt, der 1657 von seinem Schwiegersohn Olivier Schütz in seinem Amt abgelöst wurde. 1656 scheint das Refugium wieder von den Echternacher Mönchen gebraucht worden zu sein. Sein Mobiliar zeugte von Wohlstand und hob das Ansehen der Echternacher Abtei hervor. Schräg gegenüber dem Rathaus befand sich ein geistliches Zentrum anderer Art. Es handelt sich um die dem Patron der Händler Sankt Niko-laus gewidmete Kirche, in der sich zahlreiche Zunftaltäre befanden. Bei ihrer Gründung im 12. Jahrhundert hing die neue Kirche von der Pfarrei Weimerskirch ab, bis sie 1585 zur Hauptkirche wurde. Das neue Viertel hatte sich dank seiner einflußreichen Einwohner durchgesetzt. Während kurzer ,Zeit bedienten sich die im Zeichen der katholischen Gegenreform in die Stadt gerufenen Jesuiten der Stadtkirche, bevor sie ihre Dienste dort zugunsten der Jesuiten-kirche, der heutigen Kathedrale, vernachläs- sigten. Im Jahre 1681 beklagte sich der durch seine Berichterstattung über die Bombardie-rungen der Stadt von Ludwig XIV. und seinem Festungsingenieur Vauban (1683/84) wohl bekannteste Pfarrer von Sankt Nikolaus, Hoch- würden Antoine Feller, in seiner Chronik bitter, die Jesuiten seien trotz ihrer Versprechen nicht zur Predigt erschienen. Das "Musée d'Histoire de la Ville de Luxembourg" präsentiert Symbole der kommunalen Macht. Am Rande seines Einflußge-bietes ließ der Magistrat Grenzsteine aufstellen. Das Richterschwert (Leih- gabe des "Musée national d'Histoire et d'Art") ver- körperte die richterliche Gewalt par excellence. Foto: 1MEDIA. Der Krautmarkt um 1850 Ausschnitt aus einer Lithografie von Nicolas Liez Der zentrale Ort, den die Nikolauskirche in der Stadt einnahm, wird ebenfalls durch die Maßnahmen unterstrichen, die der Magistrat im Zusammenhang mit der immer wiederkeh-renden Pestpanik ergriff. Im Zuge der Pestepi- demie von 1514 hatte man eine erste Prozession zu Ehren des heiligen Hadrianus veranstaltet, die ihren Ausgangspunkt vor der Nikolauskirche nahm. Nachdem die Seuche die Stadt in den Jahren 1555,1604,1612 und 1626 erneut heim-gesucht und 1634 und 1636 verheerende Ausmaße angenommen hatte, beschloß der Stadtrat, wieder die Hilfe des Heiligen zu erflehen und jedes Jahr am 9. September eine Prozession zu veranstalten. Bei dieser Gelegen-heit zogen die Pilger durch die ganze Stadt und wohnten einer Messe bei, die in der Knodler- kirche gelesen wurde. Danach begab sich das betende Volk in die Sankt-Nikolaus-Kirche, wo man ein Te Deum zelebrierte. Die dem heiligen Firmin geweihte Kapelle wurde dem heiligen Hadrianus gewidmet und reich ausgestattet. Auf dem Altar befanden sich der Heilige und seine Gemahlin Nathalie. Wie bemüht der Magistrat war, seinen Einfluß auf die Stadtkirche nach außen zur Schau zu stellen, zeigt ein Zwischenfall aus dem Jahre 1669. Der damalige Pfarrer Jakob Deusinck hatte eigenmächtig einen ansehnlichen Teil von Spen- dengeldern in den Umbau der Kirche investiert. Der Stadtrat behauptete nun, daß aufgrund dieser Arbeiten das Gewölbe dem Einsturz nahe sei und verlangte unter Androhung der Beschlagnahmung seines Vermögens, der Pfarrer müsse die Kirche wieder in ihren früheren Zustand zurückversetzen lassen und das für den Umbau ausgegebene Geld zurückerstatten. Hinter der Kirche, zum Rost hin gelegen, befand sich bis 1780 der Friedhof, auf dem die Anwohner des Marktviertels ihre letzte Ruhe- stätte fanden, wobei sich ihr gesellschaftlicher Einfluß in der Entfernung zum Altar widerspie- gelte. Rathaus und Stadtkirche hatten über die Jahrhunderte hinweg sowohl wahre gesell- schaftliche Würdenträger angezogen als auch solche, die gerne zu Glanz und Ehre gekommen wären. Da war zunächst einmal das um 1575 von Jacques de Ravi Ile erbaute Haus, das sich mit seiner prächtigen Balkonfront zum Stadthaus wandte. Ravi Ile, der Probst von Arlon und in dieser Funktion Richter über mehr als dreißig Dörfer war, führte gleichzeitig die Arloner Garnison an. Der Adlige war Beisitzer des Provin- zialrats in Luxemburg und wurde Ritterrichter, was nichts geringeres bedeutete, als daß er der Vorsitzende des Adels im gesamten Herzogtum war. 1588 wurde er darüber hinaus zum Vize- Gouverneur des Landes und Stellvertreter Peter Die Wappen der Familien Hoecktin und Busleyden schmücken auch heute noch die Gewölbeschlu steine in einem Haus in der Rue du Marché-aux-Herbes. Fotos: Marcel Schroeder ,ex?e) Ernst von Mansfelds ernannt. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts hatte einer der mächtigsten Adligen des Herzogtums den Kern der städtischen Bürgerlichkeit als Ort seiner Machtinszenierung gewählt und gab damit seinem ständischen Denken Ausdruck. Nachdem seine Stadtresidenz dann zeitweilig in den Besitz der Herren von Everlingen, einer etwas glück- losen adligen Familie, übergegangen war, kaufte 1651 der Abt von Orval, Heinrich von Meugen, An das Haus der Hoecklin-Busleyden gelehnt, erhob sich die Stadtresidenz der Herren von Raville zum Stadthaus hin. Foto: Marcel Schroeder 41.1$00., '4411L4t 447 ,...,16S'OC-Na ''.? "") .-, l, ok., \ .' '' ? CS', 1 .., ony,?,4,,, .,?00.4,.:',.e.c4, , 4., o vi 4.` u0 ,.:.6,`:::z ,..., C c4 ,:o.,,...,'0".- r0°,?"o+-7),:y s3Q K% C. ,?..40 (.. zs s x °I ? 6 ? ?°. . .0 g A 1 4 "4 t , 1 ii \\\\n;IC? /:% l't)g: 17411.: * : \ \ g X 1 . g , e Z46 ): ,. , ,:t :1 X :r0 It )( '' X o ), aLot It P P ,,, X .. .P..y x die Residenz und war sich sicher der symboli- schen Tragweite dieser Transaktion bewußt. Adel und Geistlichkeit und der Dritte Stand, der nur Vertreter der Städte des Herzogtums zählte, riva- lisierten um Macht und Ansehen. Die Abtei vermietete das prächtige Haus an den Schöffen Herman Cramer. Dieser war aus Köln zugewan-dert und wurde 1638 in die Bürgerschaft Luxem- burgs aufgenommen. Der Zuwanderer stieg schnell in die politische Elite der Stadt auf, war zwischen 1649 und 1657 Schöffe und hatte im Jahre 1656 die Richterwürde, das höchste Amt in der Stadt, inne. Kein Wunder, daß er gerne gegenüber dem Rathaus residierte. Rechts an das Haus des Richters stieß eine zweite frühere adlige Residenz, deren beschei-denes Aussehen das Flair der Festungsstadt widerspiegelte und Ausdruck des städtischen Selbstverständnisses vor den baulichen Eingriffen Peter Ernst von Mansfelds war. Es handelt sich um das um das Jahr 1500 von Hein-rich Hoecklin erbaute Haus. Dieser einflußreiche Bürger hatte in zweiter Ehe eine Adlige, Jacque-line von Busleiden, geehelicht. Das Hoecklin- Busleiden-Wappen ziert auch heute noch einen der Schlußsteine in der ersten Etage eines Restaurants, das gegenüber dem heutigen großherzoglichen Palais liegt. Um 1655 gehörte das alte Haus Junker Stein und wurde von Baron von Beck bewohnt. Bei diesem von Beck handelt es sich wahrscheinlich um einen Sohn Johann Becks, der zwischen 1638 und 1648 Gouverneur r iSOn77",,, er 11.1!igf/ /(499)gewesen war. Die Familie Beck, die dank des militärischen Engagements Johanns zu den Aufsteigern der ersten Hälfte des 17. Jahrhun- derts gehörte, verschwand gegen Ende des glei- chen Jahrhunderts von der gesellschaftlichen Bühne. Man hatte sich hochverschuldet und mußte 1698 sogar das Schloß in Heisdorf vermieten. 1689 liehen sich die adligen Eugène Albert von Beck und seine Gemahlin Anna von Boetzeler sogar Geld bei der am Krautmarkt ansässigen bürgerlichen Gastwirtsfamilie Nieder- corn. Adlige, Vertreter der hohen Geistlichkeit und einflußreiche Bürgerliche, die zur politischen Elite des Herzogtums und der Stadt zählten, lebten ganz oder zeitweise um das Rathaus herum und verliehen dem Viertel Glanz. Neben den von Becks wohnte 1655 Caspar, der Sohn Herbert Ludlings und Johanna von Blancharts, deren Name über die Chronik der Blancharts in die Geschichtsschreibung der Stadt einging. Caspar, der eine Elisabeth von R(y)aville ehelichte, wurde 1644 Ratsherr im Provinzialrat. Eine seiner Töchter, Marie-Agnes, heiratete in erster Ehe Johann Coenen, den Besitzer des großen, an der Ecke der Rue de l'Eau gelegenen Hauses, an dessen Stelle sich heute die Abgeord-netenkammer befindet. Neben Caspar Ludling wohnten 1655 die Erben des Ratsherrn Roger Bergerodt, der 1605 eine Nachbarstochter, 1594 NME.ISC:NptijOE'RE PRiVs, oiXEmBYji,dtKRÖM ANC ? Margarete von Wiltheim, zur Frau genommen hatte. Margarete war eine Nachfahrin der großen, ebenfalls am Krautmarkt ansässigen geadelten Humanistenfamilie, deren Ruhm heute eine Tafel am Haus einer großen deut- schen Bank gedenkt. Um 1650 beginnt sich die soziale Struktur des Viertels zu verändern. Die Zeit des Adels des ausgehenden 16. und angehenden 17. Jahrhun- derts geht zur Neige. Verwalter von ländlichem Adelsbesitz und kaufmännische Aufsteiger beginnen das wirtschaftliche und damit auch das gesellschaftliche Leben mitzubestimmen und wollen ihre neue Stellung mit den äußeren Merk- malen, die die ständische Welt zur Verfügung stellt und zu denen die wohlüberlegte Wahl des Wohnortes gehört, hervorstreichen. So über- dauert die Attraktivität des Neumarktviertels dank des symbolischen Machtpols, den das Mit Deckenfresken wie dieser aus dem 18. Jahrhundert demonstrierte die Echtemacher Abtei in ihrem Refugium Macht und Selbstbewußtsein. Foto: Marcel Schroeder. Stadthaus darstellt, den gesellschaftlichen Wandel. Zu den Familien, in denen sich der kauf- männische Geist des 18. Jahrhunderts ankün- digt, gehören die Nachbarn der von Wiltheims, die Faulbeckers, deren Mitglieder in der ganzen Stadt ihr Brot mit dem Metzgerhandwerk verdienen. Theodor, der Sohn Johann Faul- beckers des Jüngeren, der 1655 am Krautmarkt lebte und arbeitete, wurde Priester. 1688 begegnet man ihm als Altaristen in der Sankt- Nikolaus-Kirche. Am Platz gab es zwei Tavernen. Der größere gegenüber dem Refugium der Echternacher Abtei gelegene Gasthof hieß Zum Goldenen Löwen. 1655 wurde er von Nikolaus Aldringen geleitet, dem zweiten Ehemann von Anna Niedercorn. Aldringen ist ein typischer Vertreter der sogenannten Bürgerlichen, die das politische Geschick der Stadt bestimmten. Der Schöffe Aldringen, der gleichzeitig Verwalter der Franzis-kaner in der Stadt Luxemburg war, hatte seinen Wohlstand über Weinberge und ein Wohnhaus in Ehnen gefestigt. Seine 1640 und 1642 gebo-renen Söhne schafften den gesellschaftlichen Aufstieg zu Anwälten am Provinzialrat. In der neben der Waage gelegenen Sankt-Nikolaus- Wirtschaft schenkte 1656 Adam Blankenheim Wein und Bier aus. Aus detaillierten Herdfeuer- zählungen wie der Generalspezifikation von 1655, die die Militärverwaltung durchführen ließ, um ihre Söldner bei den Einwohnem zu logieren, wissen wir, daß Blankenheim Besitzer einer Kuh war, die wahrscheinlich in einem Stall hinter der Schenke untergebracht war. Nach dem Tod des Gastwirts im Jahre 1675 lebte seine Witwe mit zwei Bediensteten in der Gastwirt-schaft, in der drei Soldaten untergebracht waren. Einen von ihnen, den in Grevenmacher gebo-renen Sebastian Hartmann, wird sie ehelichen. Er wird sich in der Stadt niederlassen. Karriere-denken und Eheplanung in einer Zeit, in der zwischenmenschliche Beziehungen noch nicht vom romantischen Liebesverständnis unserer Moderne geprägt waren. Auch diese bürgerliche Familie konnte sich auf Grundbesitz außerhalb der Stadt stützen. Die angeführten Einblicke in die gesell- schaftliche Struktur des Neuen Marktes machen deutlich, daß das Viertel um das Rathaus herum sich im 17. Jahrhundert zu dem städtischen Mittelpunkt par excellence entwickelt hatte und diese Stellung behauptete. Nicht nur, daß sich hier die Zentren der weltlichen und der geistli- chen Macht auf städtischem und sogar auf staat- lichem Gebiet befanden und ihre Identität nach außen unterstrichen, der Platz war ebenfalls zum Mittelpunkt derer geworden, die, weil sie (noch) politischen und gesellschaflichen Einfluß hatten oder nach ihm strebten, die Nähe zum Pol der Macht suchten. Die für jedes urbane Milieu typi-sche Aufeinanderfolge von gesellschaftlichen Auf- und Absteigern verlieh dem Viertel seine Dynamik und machte es zu einem typischen Ort des städtischen Alltags. Marie-Paule Jungblut


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54/1997 - Krautmarkt

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